20250512, nachts

wir fahren nach charlottenburg, um a letter to david zu sehen. wir weinen und es ist ein so wunderbarer film und trotzdem kaum auszuhalten. und ich sehe nicht nur die orte, ich habe sie gesehen in einer völlig anderen form. weil ich kenne sie nur aus dem danach. und alles ist da und alles ist nahe. ich sehe Sylvia Cunio und ich erkenne sie, weil sie mir mehr als einmal begegnet ist in den letzten monaten und das ist das erste mal, das ich weine. und irgenwann denke ich, Tom Shoval kann diesen film nie enden und sich und uns in eine realität entlassen, aber er tut es irgendwann und ich lese in dem moment auf meinem telefon, dass Edan Alexander freikommen soll. und als ich danach auf die toilette des kinos gehe, ist die erste kabine verschlossen und ich höre, dass dahinter jemand ist, die bitterlich und ohne trost weint. und dann weine ich auch in meiner kabine und als ich raus- und vorbei an der schlange gehe, die es nun gibt, schäme ich mich, auch wenn die meisten der wartenden vermutlich im gleichen film waren.

meinen ersten arbeitstag nicht nur mit dem ordnen und zurecht-finden in den neuen dingen verbracht, sondern auch mit dem warten und dem meldungen ansehen und mit dem versuch, die debatten zu verstehen. gefühle aushalten, die eine so große spannbreite haben, verstehen, was dieser deal bedeutet, auch politisch und mit blick auf die anderen geiseln und auf trumps politik und gleichzeitig dieses fucking-unfassbare glück, Edan Alexander endlich zu sehen, lebend, auf seinen beinen stehend. und dann all die videos, vom ersten telefonat mit seiner mutter, vom wiedersehen, von seiner großmutter, die essen gemacht hat. was zur hölle. was für ein glück. wem auch immer sei dank, ruft martha an und fragt, ob ich zeit für ein getränk habe und aus anderen gründen als ihre habe ich endlich die gelegenheit, eine zigarette zu rauchen und ein getränk zu trinken. ich habe heimweh, seit tagen und jetzt kann ich es kaum aushalten, hier sein zu müssen, in einer gegenwart, in der ich mir aufmerksamkeit, für das, was passiert, erbitten muss. und natürlich sagte jede:r dort, dem:der ich schreibe, vielleicht sollte ich einfach nur eine woche kommen, ja, und bitte und mach.

am samstag in der wohnung rumgestanden und zu lakonisch gedacht: na mal sehen, von wem hamas heute ein video veröffentlicht und ich schwör, der punkt war gesetzt als eine eilmeldung mich wissen ließ: Yosef-Chaim Ohana und Elkana Bohbot. letzterer war in den tagen davor für mich überproportional präsent, weil es viele bilder von seinem kleinen sohn gab, der das plakat seines vaters hochhielt. im video liegt er nur auf einer matratze, abwesend, Yosef-Chaim Ohana spricht darüber, dass Elkana Bohbot aufgehört habe, zu essen und zu trinken. es ist propaganda von hamas, natürlich. aber es ist so schmerzhaft und so unaushaltbar. ein paar tage zuvor hieß es, Tamir Nimrodi, Netphong Phinta und Bipin Joshi wären tot. aber es gibt keine tatsächliche bestätigung, nur die tatsache, dass es von ihnen seit langem keine lebenszeichen gäbe. und dann sagt heute jemand in den nachrichten, 21 noch lebende geiseln, und es trifft mich und ich weiß einfach nicht, wie das übernehmen in wirklichkeit.

mehr als 70 vormalige und aktuelle esc-teilnehmer:innen fordern nun, dass israel ausgeschlossen werde, darunter der sieger des letzten jahres, es gibt wieder demonstrationen und mindestens einer der teilnehmer:innen, sendet eine todesdrohung. israel warnt besucher:innen der veranstaltung, sich als jüdisch oder israelisch erkennen zu geben. in basel, in der schweiz. in neapel wird eine israelische familie aus einem restaurant geworfen, die stadt lädt sie daraufhin ein, übernimmt übernachtungen und den besuch einen cafes. Emily Damari protestiert – vermutlich als einzige? – dagegen, dass mosab abu toha einen pulitzer-preis gewinnt. er hatte unter anderem in frage gestellt, dass sie und Agam Berger geiseln sind und leugnete den mord an Shiri, Ariel und Kfir Bibas. kanye west veröffentlichete am 8. mai den song “ww3” mit offen antisemitischen inhalten und hitler-verherrlichung und schafft es damit auf platz 1 unter anderem bei spotify deutschland. in der türkei ermordet ein gastgeber den fotografen Yitzchak Eliyashiv, einen ehemaligen gabbai der Heichal-Mosche-Synagoge in manhattan. die partei die linke beschließt, die jerusalem declaration als definition für antisemitismus zu verwenden, in einem nachtclub in philadelphia wird ein f*ck the jews- transparent über der tanzfläche angebracht, das pope-mobile von papst franziskus wird zu einer mobilen gesundheitsstation für die kinder in gaza umgebaut, sein letzter wunsch. mindestens 38 soldat:innen soldat:innen der IDF sollen sich seit dem 7. oktober selbst das leben genommen haben. eine rakete aus dem yemen schlägt neben dem flughafen ein, Guy Gilboa-Dalal hat in hamas gewalt seinen 24. geburtstag. ein paar tage zuvor wäre der 24. geburtstag von Daniel Perez gewesen, den die terroristen am 7. oktober ermordeten und nach gaza verschleppten, wo seine leiche nach wie vor als geisel gehalten wird. das gretchen in berlin sagt einer band aufgrund ihrer israelfeindlichen positionierung ab. ich frage mich, wie es mir gut gehen soll nur weil die sonne scheint.

jeffrey herf im bajzel zugehört. bester abend seit fast immer. wir werden das jahrbuch mit den spenden unserer freund:innen veröffentlichen können.

20250507, früher abend, aber auch über den tag verteilt

gestern nacht nicht schlafen können, weil die dig beschlossen hat, unseren antrag abzulehnen, mit der begründung, das sei zu unbedeutend. in langen reihen von abwertungen meiner arbeit trifft mich diese auf eine neue weise und macht mich wütend auf eine neue weise und schafft hilflosigkeit in einer neuen weise. als ich mich dann im internet festlese, finde ich einen einige stunden alten post, in dem es heißt, trump habe verlautbart, nur noch 21 der 24 geiseln würden leben. seit ein paar tagen geistert das so durch die welt, nachdem sara netanjahu bei einer gelegenheit, an die ich mich nicht mehr erinnere, die aber öffentlich war, entsprechende andeutungen machte. die angehörigen der geiseln scheinen dazu nicht informiert worden zu sein. vergangene woche hatte hamas ein video veröffentlicht, dass zeigen soll, wie eine geiseln nach einem luftangriff aus trümmern gerettet wird. sie behaupteten, es würde sich um Maxim Herkin handeln, von dem die terroristen dann widerum ein video am samstag veröffentlichen, in dem er eine verbundene hand hat. es gibt wenig aussicht auf einen deal. und in zusammenfassung einiger podcasts und artikel in den letzten wochen hatte ich immer wieder den eindruck, es sollen damit auch die voraussetzungen und rahmen gesetzt werden, in/mit denen der verbleib der noch lebenden und sowieso der toten in gaza nun einfach zur tatsache wird. natürlich spricht das niemand aus, aber das ihre befreiung das ziel der immer noch zunehmenden militäroperationen ist, liest und hört sich politikerseits immer mehr wie eine formal an, die an viele andere pflichtschuldig vorgetragene erinnert. jemand stellt zum beispiel in einem interview die geschichte von geiselnahmen und israels jeweilige reaktionen vor; die einordnung und damit auch normalisierung dessen hat (vielleicht) begonnen und am 1. mai sitzt mir ein typ gegenüber, der einer der wichtigsten ngos zum nahen/mittleren osten in deutschland vorsteht und erzählt mir nicht nur langweilige geschichten von seinen treffen mit wichtigsten deutschen politikern, sondern auch, dass der kampf gegen hamas eben wichtiger sei für israels überleben und auf meinen einwand, dass es die gesellschaft und selbstverständnisse von jüdisch-sein zerstören werde, wenn diese 59 menschen nicht zurückkommen, tut er ab als emotinales überzogenes geschwätz. vogelperspektive einer kriegsherrenlogik (oder so ähnlich), wird die liebste freundin das später nennen. zugleich intensiviert sich alles: eine rakete der houthis schlug tatsächlich am flughafen ein, die idf fliegt angriffe im yemen und in syrien, wo die situation der druzen sich noch weiter verschlechterte und zahlreiche ermordet wurden. israel nimmt verletzte druz:innen zur behandlung auf. (zehn?-)tausende reservisten werden wieder einberufen. die szenarien einzelner politiker für gaza sind verstörend. ich kann die fragilität der situation bis hierher spüren. und ich spreche viel und oft mit verschiedenen menschen in israel, und merke, dass das, was ich erst als veränderung nach dem 7. oktober festgestellt habe, als intensivierung und neuheit meiner beziehungen, tatsächlich realität wird und ist. und ich merke auch, dass mein plan, im september erst zu fliegen, nicht so gut ist.

am samstag bei phillip boa gewesen und zu meiner überraschung in der zweiten reihe gestanden und irgendwie war alles zeitreise, auch das gefühl. nur dass er netter geworden ist und am ende sogar was von liebe gesagt hat, war irgendwie naja, ungewohnt. danach wieder dieses krass, ich habe zwei stunden nicht über die situation und die geiseln nachgedacht – gefühl und auf dem nachhauseweg lief noch die samstagsendung des toi-podcasts, die, in der sie immer die biografien der ermordeten vorstellen. und die leichtigkeit der gerade vergangenen zeit hat gemacht, dass das hören noch schwerer war.

schaffe immerhin, ein paar sätze zu schreiben und denke, wenn ich es gut mit mir meine, dass ich gar nicht faul bin, sondern nur noch keine ordnung in meinem kopf über das zu schreibende hergestellt und vielleicht auch ein bisschen angst habe, mich zu sehr in die veröffentlichten artikel einzulesen, weil, wie ich an. gestern bis nach warschau mitteilte, das ganze buch vielleicht nur als satire geschrieben werden kann. lese wir schon wieder und die absolutheit meiner vorbehalte gegen kurzgeschichten ist vielleicht einfach unsinn. den nachmittag mit tereza verbracht, die in berlin ist für 24 stunden und mir drei davon widmet.

heute ist alles 19 monate.

20250429, nachmittags

ich lese Dror Mishani “fenster ohne aussicht” und es ist mir viel näher, viel klüger, viel ehrlicher als Saul Friedländers “israel im krieg”. es sind unterschiedliche herangehensweisen und themen, ich weiß, aber ich verstehe mich und schreibe dies in einer grundsätzlichen weise und vielleicht auch, wie ich denke, dass solche darstellungen funktionieren sollten oder können. jedenfalls erinnerte ich mich bei der gelegenheit gerade ohne erkennbaren zusammenhang an eine sequenz in einem buch, an das ich mich insgesamt nicht mehr erinnere und in dieser sequenz besucht eine jüdische frau ihre nicht-jüdische freundin in deren großen haus (oder vielleicht auch eine große wohnung) und fragt sie beim besichtigen, ob sie sie im fall einer notwendigkeit verstecken würde und die freundin versteht die frage nicht. und im internet lese ich gestern davon, dass zur mailänder parade 2015, die jährlich anlässlich des jahrestages der befreiung italiens stattfindet, erstmalig keine jüdischen verbände teilnahmen, damit auch nicht die jüdische brigade, da die präsenz antizionistischer aktivist:innen zu groß ist und es während vergangener paraden wiederholt angriffe auf juden und jüdinnen gegeben hatte. die diskussion um eine teilnahme und die angriffe selbst setzen sich offenbar bis in die gegenwart fort, aber ich notiere das nicht wegen den geschichten selbst, sondern wegen dem gedanken, dass zwar alles schon da war und wir es auch gesehen und gewusst, aber es nicht zusammengesetzt haben, sondern alles irgendwie einzelteile blieben, über die wir uns im immer empört oder entsetzt haben und die dabei eingekapselt blieben. wir haben sie vielleicht gestapelt, aber nicht verbunden.

vor mehr als einer woche oder so ruft mich yo. nachts an und weil wir uns immer noch nicht vertragen haben, weiß ich dass etwas passiert ist und er sagt mir, dass o.s vater gestorben ist und ob ich kommen kann. kann ich nicht, weil ich in berlin bin und weil ich nicht einfach so viel geld habe, zurück zu fliegen. ich schreibe o. und er antwortet innerhalb von sekunden, wie froh er ist, dass ich ihn kannte. ich kannte ihn natürlich nicht so gut, wie ich sollte, was daran lag, dass er nur ungarisch und hebräisch sprach und ein paar worte deutsch, und zwar die, die er von der ss und anderen deutschen im kz mauthausen lernen musste. und das ‘kannte’ war dann vielleicht eher so ein enges geflecht aus scherzen, die sich darum spannten, dass ich aus deutschland komme und der vater “achtung achtung” sagen konnte. etwas das wie heimweh klingt, durchzieht meine tage und das ist ein leiser und ziehender schmerz, der alles mitmacht, was ich beginne und dann nicht verschwindet. gestern nacht schreibt m. sie hat nichts zu sagen im besonderen, aber ich merke, sie ist immer noch verloren in ihrer situation und ich glaube, sie vermisst mich und ich würde gern einfach an ihrem küchentisch sitzen. ein paar stunden davor habe ich mit li telefoniert und ihre stimme ist noch dunkler, vielleicht klingt sie schwarz und sie sagt: wann kommst du und es ist so lange hin, dass ich merke, wie ich mich mit erzählungen in schleifen zu rechtfertigen versuche. und ed. schrieb am mittwoch, dass sie nicht-koscheren grappa geschenkt bekommen hat und ihn im kühlschrank aufhebt, bis ich wieder da bin. und die zeit wird davon nicht weniger.

k. ist zurück in berlin und wir gehen essen und dann sitzen wir vor dem späti in der hermannstraße und trinken bier und er liest mir eine kurzgeschichte von terry pratchett vor, die wir beide noch nicht kannten und die er in einem sammelband gefunden hat, zufällig. ich sage romantischer wird es nicht mehr und wir lachen. wenigstens das.

am freitag mit a., dem anderen, im kedem gewesen. es schön gehabt und gedacht, dass es vielleicht wirklich ein bisschen hilft, hier mit israelis befreundet zu sein. ich weiß nicht, ob das stimmt, aber vielleicht macht das so zwischenräume, in die man abtauchen kann. manchmal. wahrscheinlich ist aber auch das eine illusion. was aber auch war, ist, dass wir über a. gesprochen haben, den eigentlichen. und das war komisch und dabei schön, nicht nur, weil es einfach so übergangslos ging, sondern auch, weil es ganz einfach war und selbstverständlich und ohne, dass mein gegenüber kommentiert, wie doof er ist und ich antworten muss, nein, ist er nicht. ihn einfach vermissen und für einen moment wieder gut finden können und damit nicht allein sein. schön war das, sehr schön und es hat gemacht, dass ich mich anschließend für ein paar kleine stunden unbekannt leicht fühlen konnte. aber auch, dass ich ihn einfach so und einfach so unkompliziert gern gesehen und gern umarmt hätte.

merke immer wieder, dass geschichte, und forschungen, die menschen über ns-geschichte machen, mir plötzlich wirklich geschichte sind, weit weg und alles, was geschrieben wird, als tatsächliche historisierung. unser artikel ist erschienen und bisher wollte uns noch niemand eine reinhauen. vielleicht haben wir etwas falsch gemacht.

heute eröffnete in berlin ein neuer platz für die geiseln am alten standort. ich hatte nicht die kraft, hinzugehen. ich merke viel in den letzten tagen, dass sich dieser zustand wieder eingestellt hat, in dem anderen nachrichten die situation der geiseln überlagern. nicht für mich, aber in den medien, die ich lese und dass das auch etwas mit mir macht, merke ich dann auch. wir waren schon mal an diesem punkt und dieser feststellung. aber es wird nicht weniger schmerzhaft. hamas wiederholte das angebot: alle geiseln gegen fünf jahre waffenruhe und israel sagt nein. das ist die situation: hamas sagt, alle zurück und israel sagt nein. ich weiß, dass es um andere aspekte geht, die diese situation herstellen, aber die alle beiseite gedacht, ist das die situation. wie das aushalten. hamas hat auch ein video mit omri miran veröffentlicht. island, slowenien und spanien fordern nun den ausschluss israels beim esc. in einem hotel in kyoto muss ein israeli eine erklärung unterschreiben, er sei nicht an kriegsverbrechen beteiligt gewesen, als voraussetzung, einchecken zu dürfen. bei der siegerehrung der nachwuchs-em im fechten wandten sich die drittplatzierten schweizer demonstrativ ab, als die hymne israels gespielt und die fahne gezeigt wurde. virgin atlantic airlines kündigt an, den flugverkehr zwischen london und tel aviv grundsätzlich nicht wieder aufzunehmen. die dokumentale berlin schreibt in ihren news, yom hashoah sei ein tag, um allen jüdischen menschen und anderen opfern zu gedenken, die im holocaust ermordet wurden. dana horn hat in einem podcast lange dazu gesprochen, welche folgen ein gedenken und eine geschichtserzählung haben, die ein universelles narrativ nutzen. auch dieses jahr beschweren sich jüdische überlebende von bergen-belsen über das verhalten der gedenkstätte und der staatskanzlei. das feinbergs warb beim israel-tag in berlin auf einem aufsteller für einen cocktail mit „zerhackstückelter“ wassermelone und nartürlich fand sich ein medialer mob, der tobte. und die dig hat nichts besseres zu tun, als sich zu distanzieren. aber ich wenigstens fands lustig.

nicht vergessen, auch die sammlung dieser dinge ist nur eine sammlung einzelner dinge.

571 tage. und ich denke die ganze zeit: nur noch 29 bis 600.

20250420, nachmittags

es ist ostern und es ist still. oder zumindest stiller. ich weiß immer noch nicht so richtig, warum und wie die zeit vergeht. ich würde sie gern nutzen, um intensiv zu schreiben, aber ich bekomme es nicht hin. ich kann mich nicht konzentrieren, ich kann nicht denken. und ich habe einfach keine lust. ich bin nach wie vor so müde und manchmal schlafe ich nun auch tagsüber. aber ich weiß nicht wirklich, was ich darüber hinaus so mache. sinnlos übers tempelhofer feld laufen. sinnloses zeug streamen. in der wohnung auf und ab gehen. mich immer noch mit der einstellung rumärgern. einen text in einer zeitschrift durchsetzen. manchmal etwas entscheiden, und mich dann für eine kleine weile besser fühlen. heute wieder mit yoga angefangen und gemerkt, wie schmerzhaft mein körper auf bewegungen ausserhalb des üblichen reagiert. den schmerz ein bisschen zu sehr genossen. vor ein paar tagen in einer größeren runde ex-cottbuser:innen fast bestanden. nur am ende und betrunken einen wirren und wütenden vortrag gehalten, weil die situation der geiseln in deutschland niemanden interessiert. die zeiten, mich einzuladen, werden bald wieder zu ende sein. ich bin seit mehr als drei wochen zurück und ich stelle fest, dass dies noch lange nicht ausgereicht hat, mich in den realitäten von anderen wieder zurecht zu finden. und es kommt mir so vor, als würde sich niemand in meinen realitäten zurecht finden (wollen). es gibt keinen von anderen für mich geschaffenen raum, um wütend zu sein. und keinen für die traurigkeit oder für die komplexität und die länge der geschichten. ich höre anderen zu, wie sie ihr kindheits-oster-traditionen in gegenwart transportieren und wie sie etwas bedeuten. und ich bin davon ge/berührt und es verstört mich, dass ich so etwas gar nicht habe und vielleicht bin ich neidisch und ein bisschen noch verlassener als sowieso. heute und gestern besser, aber davor so schlimme depressive anfälle gehabt, dass ich zum ersten mal in jahrzehnten depressiver anfälle dachte, ich kann damit nicht mehr leben, mit diesen despressiven anfällen. davor konnte ich immer nicht mehr leben mit situationen und/oder als strategie bei überwältigungen. aber nun dachte ich zum ersten mal, ich kann damit nicht mehr leben und meinte etwas grunsätzlicheres. das hat mich so erschrocken, dass ich erstmal keinen schlimmen depressiven anfall mehr hatte.

saul friedländer israel im krieg gelesen und ich will nichts schlechtes über saul friedländer sagen und nicht einmal denken, aber vom beginn an habe ich mich gefragt, was das für ein buch sein soll. ein tagebuch, steht im titel, aber ich kann nicht glauben, dass jemand so nüchtern, so emotionslos am 7. oktober begann, das politische geschehen zu sammeln. die geiseln kommen kaum vor, ihre namen noch seltener, die ermordeten auf israelischer seite noch weniger. wo der autor ist und in welcher beziehung er zu den ereignissen und zu den menschen und realitäten in isreal steht, bleibt gänzlich offen. mehr als einmal gedacht: geh doch mal vor die tür und frage jemanden, wie es ihm/ihr geht. keine reflektionen eigener (persönlicher) gegenwart oder biografischer vergangenheit, bestenfalls eine sammlung politischer ereignisse, (berechtigter) tiraden gegen die regierung und eigener halbgarer mutmaßungen, die aber anschließend nie mit einer entwicklung abgeglichen werden. antisemitismus in europa und an den amerikanischen unis wird zur kenntnis genommen, aber mehr als einmal heruntergespielt und in der summe dann scheinbar nicht verstanden. etwas, was bei jemandem wie ihm eigentlich nicht sein kann. für ein deutsches publikum geschrieben, habe ich mehr als einmal gedacht. immer wieder hält er eine zwei-staaten-lösung hoch aber wie das (noch) funktionieren soll außer als leere formel für realitätsfernes (europäisches) hoffen wird mir nicht klar. habe mehr von allem verstanden, weil ich phillip spencer zuhöre oder k.s mail lese. ärgerlich. auch, dass ich es schon seit seite 2 wusste aber trotzdem weitgelesen habe in der erwartung von irgendwas. davor die tore von gaza beendet. auch nicht supergut gefunden im schreiben – immer an demoberichte in den frühen 2000er jahren erinnert gefühlt -, aber wenigstens etwas gelernt und verstanden und emotionen gehabt. jetzt Dror Mishani Fenster ohne Aussicht: Tagebuch aus Tel Aviv.

the cure kündigen etwas für montag an.

hamas verlautbarte, dass sie nichts vom schicksal und der situation Edan Alexanders wisse, da sie seit dienstag den kontakt zu denjenigen verloren habe, die ihn bewachten. mindestens einer der terroristen sei tot aufgefunden worden. vorangegangen sein soll ein angriff der idf in der gegend. gestern veröffentlichte hamas ein video von Elkana Bohbot, ein paar tage davor der islamische djihad eins von Rom Braslavski, und letztes samstag hamas eins von Bar Kupershtein. Noa Argamani wird zum time magazin zu den “100 most influential people of 2025” gewählt. Dror Mishani hat in seinem tagebuch den moment beschrieben, als er ihr video von der entführung zum ersten mal sah und so stellen sich meine beziehungen zu allem möglichen heutzutage her. cynthia nixon kündigt den trailer für die neue staffel and just like that in einem hemd an, dessen stoff eine großflächige palästinafahne ist. kann sie machen, löst keinen skandal mehr aus, nur große freude bei ihren unterstützer:innen und fans, nehme ich an. im süden von gaza hat ein soldat einen kleinen hund gefunden, der hebräisch verstand und dann stellte es sich heraus, dass dies der kleine hund billy von Rachel Dancyg aus nir oz ist, deren ex-mann Alex von hamas entführt und in gefangenschaft ermordet wurde ebenso wie ihr bruder Itzik Elgarat. 847 idf-soldat:innen sind seit dem 7. oktober gefallen.

die irische band kneecap projizierte während ihres auftritts beim coachella in kalifornien gestern israelfeindliche slogans über die bühne und ihr sänger gab zudem verschiedene israelfeindliche, antisemitische und pro-palästinensische statemants zum besten. das war auch letzte woche bei ihrem auftritt schon so gewesen, aber aus dem livestream geschnitten worden. ein spanischer fernsehsender fordert, dass israels beitrag vom esc ausgeschlossen wird. die malediven haben nach mehrfacher ankündigung in den letzten 18 monaten nun endgültig beschlossen, dass menschen mit einem israelischen pass nicht einreisen dürfen. in villeurbanne wird ein jüdischer mann angegriffen, geschlagen und antisemitisch beschimpft, in neukölln fliegt ein stein in ein fenster des bajzel, in charlottenburg werden eine frau und ihr begleiter ein paar tage zuvor von zwei männern antisemitisch beschimpft. an der alice-salomon-hochschule findet eine veranstaltung mit qassem massri und udi raz statt. propalästina/prohamas aktivist:innen besetzen mittwoch mittag zudem den emil-fischer-hörsaal auf dem campus nord der humboldt-universität, deren leitung ihn am abend räumen ließ.

561 tage.

20250414, abends

ich bleibe isoliert. und wie immer in diesen zeiten stelle ich schmerzhaft fest, wie einfach mir das möglich ist. und wie ich einfach verschwinden kann. kann, könnte, sollte, möchte. überhaupt machen mir wieder alle die dinge schwer. so scheint es. oder so ist es.

Rachel Goldberg-Polin hat ein langes interview gegeben, zu pessach und seiner bedeutung vor dem hintergrund, dass es immer noch 59 geiseln gibt. ich brauche tage, es mir anzuhören. gestern gab es einen kleinen seder-tisch für die geiseln am brandeburger tor und ich erwische mich bei dem gedanken, dass ich jetzt zu den menschen gehöre, die in kleinen gruppen dort auf diesem unwirtlichen platz stehe und plakate hochhalte, die keinen interessieren. alles fühlt sich stumpf an. alles ist wie laufen durch watte. am freitag habe ich zwei menschen vor dem bajzel sitzend die bilder der kibbutzim gezeigt und ihnen erklärt, was sie sehen. zum ersten mal. ich weiß gar nicht, was ich mache und warum die zeit vergeht.

ich merke immer wieder, wie menschen hier nichts mit meinem letzten tattoo anfangen können, dass sie die bedeutung nicht instinktiv erfassen, dass sie kein vorwissen haben, um sie zu erfassen und/oder dass sie dann mit der geschichte nichts anfangen können. dass sich hier nie diese wärme einstellt, wenn man darüber spricht. wie viel anders das ist und wie viel anders-sein sich an kleinen dingen und nebenschauplätzen festmacht. in nirim habe ich auf dem arm von Adele Raemer ebenfalls eine version der blüte gesehen und mich kurz geschämt, weil es mir wie eine unangemessene aneignung vorkam, weil sich unsere erfahrungen und unsere überlegungen so grundlegend unterscheiden. ich erinnere mich, wie m. sagte, du hast dich selbst zu einem teil von etwas gemacht und vielleicht ist es das eben auch, das verbundenmachen und das dann verbundensein und dafür ein bild suchen.

a. spielt in einem theaterstück mit, ich glaube eine der hauptrollen, und ich freue mich. dass er diese dinge wieder macht und dass er erfolgreich damit ist.

zwischen allemm gibt es immer wieder meldungen zu verhandlungen. zu zahlen möglicherweise freizulassender geiseln. mal heißt es 9, mal 11. immer wieder Edan Alexander. hamas bietet an, alle freizulassen für waffenruhe. dann wieder, dass sie ihrer entwaffnung nicht zustimmen und es deshalb keinen deal geben wird. jemand hat das wohnhaus des gouverneur von pennsylvania Josh Shapiro in brand gesetzt. ob es eine antisemitische motivation des täters gab, ist noch unklar. greenday widmen während ihres auftritts beim coachella festival einen song “the kids from palastine”. johnny rotten bezeichnet die hamas als “nichts weiter als einen haufen von ‘judenvernichtern'”. die plattform boiler room löscht alle videos von auftritten in israel. Tal Shoham spricht über seine erfahrungen als geisel in gaza in der UN. in london stellen jurist:innen strafanzeige gegen zehn briten, die in der IDF gedient haben.

ich bin müde. und ich fühle mich sehr allein.

20250406, abends

wie schon so oft, würde ich gern darüber schreiben, dass ich nicht schreiben kann. und dann halt zu schreiben. aber eben nicht das, was es mir verunmöglicht zu schreiben. oder mich glauben lässt, nicht schreiben zu können. mir ist vor ein paar tagen aufgefallen, dass ich bilder, die in in der gaza envelope gemacht habe, nicht posten kann. also ich habe einige an eine kleine auswahl von menschen geschickt, aber ich habe sie auf keinem meiner accounts verwandt. und ich glaube, da trifft sich etwas mit dem nicht-schreiben können. weil natürlich kann ich schreiben genau wie ich (theoretisch) weiter bilder posten könnte. aber es geht nicht darüber und irgendwie vielleicht auch nicht zu be-schreiben, wie sich das alles anfühlt. und weil ich nicht viel anderes mache, als darüber zu denken, führt das alles zu dem gefühl, nicht schreiben zu können. dabei ist viel andere realität. als wir in kibbutz magen waren, sagte jemand, das menschen in israel antisemitismus oft nicht wahrnehmen, weil er in ihrem konkreten leben in israel keine rolle spielt. und ich merke viel mehr als in den letzten rückkehr-zeiten wie ich in eine ganz andere realität gespült bin, der bruch ist mir viel deutlicher und mein bewusststein dafür geht weit über beschmierte wände hinaus.

ich verbringe ein wochenende, fast ohne mit jemandem zu sprechen und ohne dass mich jemand sehen will. ich merke, dass diese gute phase der wieder-ankunft kürzer ist dieses mal, weniger intensiv. das liegt auch an mir, daran, dass ich wenig lust und energie habe für die realität der anderen und daran, dass ich nicht weiß, wohin mit meiner. dass ich merke, wie meine wahrnehmung anstrengend für andere ist. was will man mit jemandem, die immer einen bezug herstellt, die aus einem wunderbaren konzert von slowdive in leipzig kommt und die dann vor allem zu erzählen hat, wie schön es ist, auf einem konzert zu sein, wo die menschen nicht nur nett sind, sondern kein einziger ein pali-tuch getragen hat.

ich sehe mir wohnungen in tlv an, so als könnte ich tatsächlich gerade eine suchen. es ist kein heimweh, ich fühle mich nur fremd und fehl am platz. vielleicht nochmal eine andere form von verlorenheit. wer weiß schon um die nuancen im gefühl und wie sie in sprache umtauschen.

heute morgen “treasure” gesehen und am ende ein bisschen geweint.

gestern veröffentlichte hamas ein video von Bar Kupershtein und Maxim Herkin. Bar Kupershtein hatte am 1. april seinen 23. geburtstag. Amit Soussana hat den US international woman of courage award bekommen. israel hat warnungen vor angriffen ausgesprochen für reisende, die die kommendenn feiertage für einen urlaub im ausland nutzen wollen. in london waren anfang der woche bereits drei israelis von dutzenden jungen männern angegriffen und geschlagen worden. jon und rachel polin-goldberg haben israelische politiker:innen aufgefordert, auf das tragen der yellow ribbon zu verzichten, wenn ihre handlungen das überlebenden der geiseln in gefahr bringen. es gab viele interviews, unter anderem sprach Ilana Gritzewsky in einem Interview mit der ny-times von den sexualisierten angriffen auf sie.

20250326, zu früher morgen auf dem flughafen

am ende ist immer alles auch ein bisschen taub. vielleicht ist das aber auch nur die übermüdung. dabei habe ich dieses mal sogar ein paar stunden geschlafen und dachte zunächst, dass ich dieses abreisen zumindest auf der ebene schlafdefizit leichter manage. alle sorgen wegen dem visa waren umsonst, es dauerte 20 minuten vom betreten den flughafens bis zum verlassen der gepäckkontrolle. wenn das flugzeug nicht ausgebucht wäre, hätte ich ein upgrade bekommen. bei der befragung am eingang ging es nicht einmal mehr darum, was ich im land gemacht habe. zur strafe für all dies muss ich mit einer schulklasse reisen. und ja, ich schreibe so viel über zeugs weil ich eigentlich viel sagen müsste über den vergangenen tag, aber das ist zu schwer und deshalb kann ich auch gleich gar nichts mehr sagen über die zeit davor, weil dies alles oder doch vieles ein bisschen verblassen lässt. wir waren in den kibbutzim nir oz, nirim, magen und auf dem nova-gelände. wir haben überlebende getroffen und ihre geschichten gehört. wir haben dies zu einem zeitpunkt gemacht, an dem das sprechen über das, was passiert ist, noch nicht erprobt es. und auch die begehungen noch keinem plan folgen, kein pädagogisches konzept hinter ihnen steht. wir haben gadi moses getroffen und er hat uns mit in sein haus genommen. wir haben Renana Gonen getroffen, ex-frau von Yair Yaakov, der ermordet wurde und dessen leiche nach wie vor in der gewalt der terroristen ist. ihre beiden söhne Or und Yagil, damals 12 und 16 jahre alt waren ebenso entführt worden wie seine lebensgefährtin Meirav Tal. alle drei waren im november 2023 freigelassen worden. das jüngere der beiden kinder war damals von sogenannten zivilisten nach gaza gezwungen und von ihnen dann verkauft worden. wir sehen das haus von Renana, den schutzraum, die zimmer ihrer kinder. sie zeigt uns videos und bilder. und spricht davon, wie es war, nicht da zu sein. wir sehen das haus der bibas familie und stehen auf dem rasen, auf dem die aufnahmen von shiri und ariel und kfir in den minuten ihrer entführung gemacht wurden. wir haben in nirim Adele Raemer getroffen, die mehrmals sagt, dass sie sich in ihrem blick auf die möglichkeiten eines friedlichen zusammenlebens mit den menschen in gaza getäuscht hat. wir haben Martin in magen getroffen, der uns erzählt, wie es ihnen hier gelungen war, die terroristen aufzuhalten. wir hören immer wieder von den guten vorbereitungen der angreifer, von den listen, die sie zu den häusern bestimmter personen führten. wir sehen immer wieder auch, wie nahe die grenze ist und ganz oft, wie schön die landschaft ist. wir können immer noch erkennen, wie wunderbar das leben in diesen kibbutzim gewesen sein muss und nicht mindestens zwei von uns sechs denken einen moment zu lange darüber nach, ob dieses leben nicht eine perspektive wäre. wir hören von den bleibenden erschütterungen, von der fehlenden unterstützung der regierung, von misstrauen, von den hoffnungen und motivationen für einen wiederaufbau und einer rückkehr. wir machen bilder von den briefkästen in nir oz, an denen angezeigt ist, wer ermordet wurde, wer entführt, wer zurückkam und wer noch vermisst. und überhaupt lernen wir viel über farben und symboliken. wir fahren zu dem shelter, aus dem Eliya Cohen, Alon Ohel, Hersh Goldberg-Polin und Or Levy verschleppt wurden und viele andere ermordet. wir besuchen, ich einmal mehr, das nova-gelände. Inbar Heimans mutter ist auch da und wieder muss ich darüber nachdenken, was es ist, dass wir jetzt die angehörigen inmitten all der menschen erkennen können.

gestern veröffentlichte hamas ein video, in dem Yosef-Haim Ohana und Elkana Bohbot sprechen. Ohad Ben Ami besucht berlin. lana Gritzewsky spricht in einem interview über die erlebte sexualisierte gewalt. an verschiedenen orten in gaza gab es gegen hamas gerichtete demonstrationen.

536 tage. und immer noch mal muss ich auf dem flughafen entlang der bilder der geiseln gehen.

20250323, vormittags

ich habe wieder angefangen, abends an der wohnungstür zwar den riegel vorzuschrieben, aber sie nicht zuzuschließen und eine hose griffbereit neben dem bett zu haben. ich habe außerdem meine kaputte brille nochmal aus dem koffer geholt, um nicht total blind ins treppenhaus zu stolpern. ich versuche daran zu denken, wieder tabletten mitzunehmen, wenn ich mich weiter vom haus wegbewege. die türen von sheltern sind wieder offen. und ich glaube, die vieler wohnhäuser auch. heute war der alarm morgens halb 8, damit eigentlich ziemlich spät und ich habe danach zwei stunden gebraucht, nochmal einzuschlafen, nur um jetzt total erschlagen zu sein. erschwert werden meine versuche, wach zu sein, dass ich oft nicht einschlafen kann, weil ich denke: ist eh gleich alarm. raketen kommen aus dem yemen, aus gaza und aus dem libanon. noch ist alles ausnahme. aber niemand weiß, was passieren wird. es scheint sich alles zuzuspitzen, immer weniger auswege. am freitag saßen wir im ala rampa und es gab alarm für die gegenden um uns aber nicht für uns. und wir konnten nicht nur den alarm auf unseren telefonen hören, sondern auch die sirenen in der entfernung. während wir überlegen, ob wir der besucher:innen aus deutschland zuliebe in einen schelter laufen sollten, aber niemand hat letztlich wirklich lust, sagt jmd., dass diese geräusche der sirenen und der apps sich in unseren körpern eingenistet haben. ich mag es sehr, wenn jemand sagt, was ich denke, weil er:sie es auch sieht. seit dienstag gibt es große demonstrationen, besonders in jerusalem und tel aviv. es kommt einiges zusammen: die entlassung von ronen bar, die das oberste gericht für ‘nichtig’ erklärt hat, die beginnenden maßnahmen zur entlassung von gali baharav-miara, der wiederaufgenommene krieg in gaza, die absolut fehlenden perspektiven für die geiseln. demnächst kommen weitere staatliche schritte zur umsetzung der justizreform dazu. jmd. erklärte am freitag abend, mit welchen faktoren es einen bürgerkrieg geben könnten und ich verstehe zum ersten mal, in welchen rahmen wir uns dabei bewegen. und alles wurde mit einem schlag sehr viel realer, damit sehr viel bedrohlicher. gestern bei der kundgebung weinen viele der angehörigen bei ihren reden. bisher war das die ausnahme, gestern nicht mehr.

donnerstag nach jerusalem gefahren, um im israel museum Gaston Zvi Ickowicz: Field zu sehen, gestern noch schnell ins tel aviv art museum gegangen, um Ruth Patirs ausstellung motherland zu sehen. gemerkt, wie meine aufmerksamkeit genau für das reicht, was ich mir vorgenommen habe, aber nicht mehr für ein entdecken von all dem anderen, das ich an beiden orten so sehr liebe. ich weiß, was mir fehlt und kann es mir trotzdem nicht einfach nehmen. ich merke, wie gern ich mich auf den boden legen möchte, zusammengefaltet und einfach weinen. aber ich weiß auch, dass ich es nicht kann, ganz einfach, weil niemand kommen und mich trösten wird. ich kann nicht zusammenbrechen, weil niemand außer mir die teile wieder zusammensetzt. da kann ich es auch gleich lassen, nehme ich an. no. sagte gestern, wir können die beziehungen, die wir brauchen und uns vorstellen können, immer noch bekommen. selten war mehr trost (für ein paar minuten).

Elkana Bohbot ist gestern 36 jahre alt geworden. seine frau rivka sprach abend. im anschluss wurden gelbe luftballons in den himmel geschickt. er gehörte zu den organisator:innen des nova-festivals und wurde von dem gelände verschleppt. google hat letzte woche die israelische firma wiz gekauft, für eine rekordsumme. anschließend ließ einer der gründer auf einer der billborards an den azrieli tower schreiben, dass es nur einen deal gibt, der wichtig ist und dass sei der, der die geiseln nach hause bringt. in copenhagen ließ die stadtverwaltung als erste in europa einen zentralen platz in “palästina” umbenennen. ebenfalls in copenhagen, und zwar genau genommen in christiana, wurde eine jüdin von mehreren männern mit einem messer bedroht, gewürgt und beschimpft und ihre jacke aufgeschlitzt. und in paris wurde im eingangsbereich eines kosher supermarkt in der nähe der métro-station porte de vincennes feuer gelegt. hier nahm am 8. januar 2015 amedy coulibaly die anwesenden kund:innen als geiseln und ermordete vier jüdische männer. dies geschah einen tag nachdem terroristen zwölf menschen im büro von Charlie Hebdo hingerichtet hatten.

20250318, vormittags

dritter vierter fünfter anlauf für einen eintrag. meine gedanken sind müde irgendwie. langsam. wabbernd, alles ist ein wenig sehr dichter nebel im kopf. ich schlafe ein bisschen mehr, aber die wohnung ist sehr laut und das macht mein empfindliches sowiesoschonsein noch schwieriger., ich bin noch gereizter, noch empfindlicher. jeden tage gehe ich zu den kundgebungen an begin rd., das zeltlager ist groß jetzt. gestern hat Einav Zangauker kurz gesprochen, sie sieht so müde aus, so ernst, so zerbrechlich. ich denke, wie strange es ist, dass ich jetzt angehörige erkenne, weiß, wer sie sind, was sie sagen, was (teile ihrer) geschichte ist (sind). in deutschland kenne ich nicht mal die eltern meiner besten freund:innen und aus den familien meiner ex-freunde habe ich mich gern weitgehend rausgehalten. und ich denke auch immer wieder, dass wir es so sehr gewöhnt ist, dass menschen ihre gesichter und ihr zeug in kameras halten und aufmerksamkeit wollen, und berühmt sein mit ihrem nervigen scheiss und ihren flachen persönlichkeiten und dummen ansichten und wie die angehörigen und freund:innen und die überlebenden nie wirken, als wollten sie in ihrem ganzen leben ihr gesicht in die kameras halten und öffentlich sprechen und teil von anderer und ihnen nicht bekannter menschen gegenwart sein und es jetzt sind und wie viel kraft sie haben. immer noch. aber vielleicht verwechsele ich auch kraft mit verzweiflung. gestern morgen auf einem merkwürdigen treffen gewesen, mit in israel lebenden deutschen nicht-jüdischen männern und überfordert gewesen von ihrer kälte und distanz gegenüber dem schrecken des 7.10. und wie sie lieber darüber sprechen, dass in israel der holocaust in dienst genommen wird, so als ob nicht jedes gedenken in-dienst-nehmen ist, und nun eben auch benutzt um das massaker der hamas zu bewerten und dann werden die kinder in gaza wieder zum synonym für die gleichgültigkeit der israelis und sie sagen das in einemm ton voller überzeugungen, die keinen zweifel aufkommen lassen, dass sie die einzigen sind, denen dieses leid nicht egal ist und ich wünschte, ich wäre jemand, die dann einfach ihren kopf auf die tischplatte knallen würde. da war es dann fast lustig, als einer von ihnen, theologe, darüber spricht, nun eine neudefinition von ‘jude’ zu entwickeln, jenseits von religion und geburt aber an die emphatie für die toten kinder in gaza gebunden. als ob es nicht schlimm genug ist, dass sie gestorben sind, müssen sie nun auch noch für diesen unsinn herhalten und machen, dass sich deutsche besser fühlen können, aber hauptsache, sie sind sich sicher, dass israel die erinnerung an den holocaust nur benutzt. abends dann neben einer milena auf einem der gelben stühle an begin rd. gesessen, einer sehr kleinen und sehr schicken älteren frau, und sie sagt, dass sie nur einmal in der woche kommen könne und dass sie alles tut, um die namen der geiseln nicht zu kennen, weil sie es nicht aushalten kann, das alles in sich aufzunehmen.

gestern abend dann eine eilmeldung, dass es sicherheitsmeetings der regierung, idf etc. gäbe, weil hamas eine neue invasion auf israelischen boden vorbereite. 25.000 terroristen sollen der organisation wieder angehören, 5.000 weitere dem islamic djihad. die houthis drohen, nachdem die usa angriffe gegen sie geflogen haben und ich habe wieder angefangen, mir beim schlafengehen sachen neben das bett zu legen und ich müsste meinen vermieter nach der shelter-situation fragen aber mir fehlt noch ein bisschen die kraft und das treppenhaus hat keine fenster und heute morgen lese ich dann, dass israel die kämpfe wieder aufgenommen hat und ed. schreibt, dass sie angst hat, dass ihr enkel dabei ist und a. fragt, ob wir heute zu einer der kundgebungen gehen und jede person mit der ich hier spreche, spricht darüber und keine person, mit der ich aus deutschland spreche, fragt auch nur danach. vor ein paar tagen the brutalist gesehen. phantastischer film. als wir das kino verlassen, sage ich, dass meine freund:innen in deutschland nicht so begeistert reagieren. deine nicht-jüdische freunde, antwortet ed. und wir wissen nun so viel tatsächlich darüber, was hamas und andere palästinenser mit den geiseln machen, wenn verhandlungen fehlschlugen, wenn die idf näher kam, wie sie folter und gewalt nochmal verstärken und ich habe wirklich angst. wirklich angst. die verhandlungen sind mehr oder weniger vorher schon vorbei gewesen, es gab kurz das angebot, dass Edan Alexander freikommt und vier ermordete geiseln übergeben werden, aber das wurde abgelehnt und auch die familien und das forum sagen: nur alle zusammen! und jetzt! und ich denke, wie schwer muss das für die familien sein, die einen kurzen moment denken konnten, es gibt die chance. und jetzt ebenfalls sagen: nur alle zusammen! und jetzt! ich lese langsam Ron Leshems buch zu ende und wie er die ermordung seines cousins Itay Svirsky beschreibt, gefesselt, erschossen. manchmal fällt mein hebräisch-unterricht aus, weil meine lehrerin nicht geschlafen hat weil ihr sohn bei der idf einen einsatz hat.

nethanjahu kündigt an, den chef von shin bet zu entlassen und es gibt viel protest. und morgen große kundgebungen in jerusalem deshalb und nun umso mehr als sowieso schon auch noch für die geiseln.

Shlomo Mantzur wäre gestern 87 geworden und wer wollte, sollte eis zu seiner erinnerung essen. ich habe einen podcast mit einem langen interview mit yoav gallant gehört und ich habe zum ersten mal eine deutsche serie gemocht: marzahn mon amour, nach dem wunderbaren buch von katja oskamp. es gab lebenszeichen von Avinatan Or.

sitze gerade im cafe shapira und habe vor ein paar minuten wirklich gedacht: hm, vielleicht sollte ich wenn ich in deutschland bin, erstmal ein paar tage ans meer fahren, um mich ein bisschen zu erholen.

20250312, vormittags

ich muss heute umziehen und es braucht deutlich weniger als eine stunde, meine sachen zusammenzubringen und in der wohnung den eindruck zu hinterlassen, ich wäre nie dagewesen. die meiste zeit beansprucht mein wahn, möglichst nicht mit schmutzigen sachen umzuziehen. wobei umziehen beschreibt die situation sowieso nicht ausreichend: ich muss ausziehen und meine sachen in einer wohnung bringen, in die ich erst am freitag ziehen werde und dann muss ich nach givat ada fahren, um dort zwischenzuwohnen. nur noch zwei wochen. und mir wird die angst ganz schwer. li. hat gestern gesagt, dass ich müde aussehe und ich glaube, in all den jahren, die ich hier bin, habe ich das noch nie gehört. ich sah immer besser aus, wenn ich eine zeitlang hier war. vielleicht lege ich mich jetzt für 48 stunden in mein givat-ada-shelter-zimmer und schlafe durch. li. sagte, auch die angehörigen der geiseln machen pausen, aber ich denke seit ein paar tagen immer wieder, ich muss noch alles mitnehmen, weil wenn ich wieder in deutschland bin gibt es keine orte mehr für den schmerz und für meine traurigkeit und ich werde so allein sein wie ich mich fühle. es gibt mehr kundgebungen und seit samstag ein camp der angehörigen und unterstützer:innen in begin und ich sitze stundenlang vor dem eingang in das militärquartier in kaplan. ich denke jede woche, dass diese samstag-kundgebung nun die schlimmste war. vielleicht stimmt das auch, weil allein das verstreichen der zeit ohne lösung und ohne freilassungen macht alles immer schlimmer. aber vielleicht war die kundgebung am samstag auch aus anderen gründen furchtbarerer. erst wurde dieses neue schreckliche hamas-video gezeigt, in dem Matan Angrest spricht, dann redet seine mutter und dann ein angehöriger von Bar Kupershtein. dessen vater, Tal Kupershtein, sitzt daneben in einem rollstuhl. er hatte vor fünf jahren einen unfall, dessen folgen nicht nur seine fähigkeiten, zu stehen und zu laufen bis heute massiv beeinträchtigten, sondern der zudem seine fährigkeit zu sprechen weitgehend verloren hat. nach der entührung seines sohnes begann er, sich diese fährigkeit in sehr kleinen schritten zurückzuholen. am samstag schrie er mehrmals laut in die menge und ich schwöre, diese schreie haben sich in meinen körper gebrannt und ich werde sie sehr lange mit mit tragen.

es wird sommer.

dabei sind in den letzten tagen sehr viele dinge passiert, die mich immer wieder auch daran erinnert haben, warum ich es früher hier so geliebt habe und warum ich mich immer so verbunden gefühlt habe. am montag mit ein paar leuten frühstücken gewesen, und den sohn von Harry Maor kennengelernt, der einfach mal eine große zahl der orte und geschichten kennt, über die ich schreibe und zwar in der zeit, über die ich schreibe. und der guttmann kannte. und einen tag davor endlich sh. kennengelernt, die mir innerhalb von nur wenigen minuten so nahe ist, dass ich dachte, so müssen sich andere kinder im sandkasten gefühlt haben, wenn sie innerhalb von sekunden freundschaften schlossen. überhaupt insgesamt viel mit vielen über alles gesprochen. die situation, das weggehen, identitäten, schmerzen, traurigkeiten, das nicht mehr links sein und das chrashen von eigenen selbstgewissheiten, das nicht wissen wohin, das kein israelisches essen in berlin essen können, das menschen in deutschland nicht erklären können, was es heißt, keinen shelter im haus zu haben, die angst, die sehnsucht.

israel unterbindet nicht nur die einfuhr von hilfsgütern nach gaza, sondern hat am sonntag zudem die lieferung von elektrizität gestoppt. allerdings betrifft dies nur eine wasseraufbereitungsanlage, der rest wird sowieso mit kollektoren und generatoren betrieben. aber realität unterbrindet auch hier nicht anti-israelische reaktionen. seit heute gibt es die live-verkehrsdaten auf googlemaps wieder. das heimatfrontkommando hat sie nach dem 7.10. deaktivieren lassen zum schutz. der song von Yuval Raphael für den ESC ist veröffentlicht worden und es ist ein irritierend schönes lied mit einem irritierend berührendem video. sie hat den 7.oktober in einem shelter überlebt, in dem sie stundenlang auf hilfe wartete, während über und neben ihr menschen erschossen wurden und lagen. ich habe gelesen, dass sie probt, während eine “booing machine” läuft, um sich auf den hass vorzubereiten, der ihr bei ihrem auftritt begegnen wird. in den usa ist mahmoud khalil von der ice verhaftet wirden und soll deportiert werden, trotz greencard und trotz ehe mit einer amerikanerin. er war einer der führenden personen bei den “protesten” in der columbia-universität. außerdem hat die us-regierung die finanzielle unterstützung von denjenigen unis und hochschulen eingestellt (oder gekürzt?) die nicht gegen die antisemitischen und anti-israelischen proteste vorgegangen sind. und natürlich kann man sich darüber nicht freuen oder besser, das als politische reaktion gutheißen. und das nervt mich, weil ich wünsche denen alles schlechte. aber im gegenzug zu vielen anderen menschen verstehe ich, was es eben auch bedeutet und dass hier strategien erprobt werden, die sich bald gegen andere richten. das große black-lives-matter-mural in washington dc wird entfernt. menschen mit diversen identitäten sollen aus dem militär entfernt werden und eine einreise mit einem pass in dem die geschlechtsidentität und der name nicht denen entspricht, die bei der geburt vergeben wurden, sollen nicht mehr möglich sein. was ich vor allem müde bin, ist die dummheit von menschen, diese dinge in einen zusammenhang zu setzen. gerade in einem fb-kommentar gelesen, dass trump vom schicksal der geiseln berührt wäre und ich verstehe wirklich nicht, wie man so bescheuert sein kann, das zu glauben. und erste risse zeigen sich in der tat. wie kann man denken, dass jemand, der sich nur um sein ego schert, der keine vorstellung von politischem handeln jenseits willkür hat, der nach seinen launen entscheidungen trifft, ist jemand, auf den man sich verlassen sollte.

Daniel Hagari hört als sprecher der IDF auf, hintergrund ist, dass er bei einer beförderung übergangen wurde. aber das ist vermutlich nur, was offiziell ist. es trifft mich sehr. was natürlich komisch ist. aber er und seine stimme haben mich seit dem 7.10. intensiv begleitet, mir manchmal irgendeinen rahmen gegeben, wenn alles weggeschwommen ist und ich habe immer sehr gemocht, wie er die dinge erklärt und wie er manchen dingen mehr bedeutung gibt, wie er zeigt, dass sie ihn wirklich kümmern.