20260606, nachts, während ich den ersten the cure auftritt für dieses jahr im internet ansehe

vor 2 wochen oder so habe ich a. gesehen. ich wusste natürlich immer das es passiert wird und es hat am ende länger gedauert als ich dachte und ich denke, für ihn war der moment sicher krasser als für mich. weil er ja vermutlich nicht dachte, dass es irgendwann mal passiert. und es war alles und dabei magisch und enttäuschend und jetzt ist alles irgendwie anders und bedeutet nichts und trotzdem alles. leider. das merkwürdige ist vor allem, wie es anfing. d. und ich stehen auf der straße nach einem konzert und ich konnte ihn spüren bevor ich ihn gesehen habe und er starrt rüber und immer weiter und dann steht er auf und geht und dann ist da leere. es tut nicht weh und ich macht keine tränen oder schlaflosigkeit. aber es hüllt mich ein und mein körper ist ein bisschen stumpf seit dem. ein paar tage später lese ich bei fb in seinem post, bei dem es um theater geht, dass sich menschen nicht mehr verlieben weil sie angst vor verletzungen haben. und ich denke, das hat es uns wirklich beigebracht.

die tage vergehen langsam und sie vergehen schnell. übermorgen muss ich umziehen und damit beginnen die letzten zwei wochen. ich merke, wie sich die angst vor dem wieder wegsein in meinem körper eingenistet hat und ich merke auch, wie ich den alltag mag und wie ich darüber vergesse, durch die stadt zu streifen und wie viel ich nicht gesehen haben werde.

ich bin vorsichtig mit jeder und jedem, mit denen ich spreche. ed. spricht darüber, wie sie verdrängt, dass ihre enkel im norden sind. die anspannung ist weniger geworden. ich achte abends nicht mehr darauf, dass dinge bereitliegen. aber das licht in der küche ist immer noch an. ich schlafe wieder eher und leichter ein und dann tief und fest und oft zu lang. ich esse zu wenig und improvisiere dabei oft, weil alles so teuer ist, dass ich ein bisschen angst habe, geld auszugeben. und ein bisschen fehlt mir die stimmung, allein essen zu gehen. café shapira ist geschlossen und es entsteht irgendwie eine komische leere und auch das gefühl, dass shapira plötzlich abgeschnitten ist, weil für alles, was ich mag und will, muss ich nun irgendwohin. ich versuche andere orte zu finden, aber nichts klickt. nichts lässt das gefühl aufkommen, als ersatz taugen zu können. dabei fällt mir irgendwann auf, dass zwar sehr viele neue coffeeshops entstehen, alle schön und so aber das keiner von ihnen besonders ist. um ein israelisches frühstück und ein gefühl von rückkehr ins vertraute zu bekommen fahre ich ins bucke. leere wird ein wiederkehrendes thema. nicht nur weil es alles leerer ist, sondern weil es auch andere effekte gibt. ich sehe phantastische ausstellungen. aber ist alles israelische kunst. wir sprechen in deutschland viel über boycotte und hier sehe ich plötzlich, was es wirklich bedeutet. wie leer die museen sind und wie zurückgeworfen wir plötzlich werden, auf das was wir vor uns sehen. was wir hier haben. und der 7. oktober ist überall ein thema. manchmal, weil die entstehung einer ausstellung über ihn in ein davor und ein danach datiert wird, manchmal weil arbeiten gezeigt werden, die sich unmittelbar auf ihn beziehen. die abbildung von schmerz und verlust sind weitgehend aus dem städtischen raum verschwunden. manchmal finde ich noch eine schleife, und immer dann werde ich in die vergangenheit zurück geworfen. ich sehe zwei filme beim docaviv, beide verknüpft mit dem 7. oktober. ich würde gern mehr und andere filme sehen. aber es ist teuer und ein bisschen fehlen mir auch die nerven, für andere themen. im kino weinen ich und viele andere. beide male. der schmerz ist so schnell zu reaktivieren, auch wenn er nicht mehr der offensichtlichste begleiter ist. beim ersten film ist die familie cunio da und beim rausgehen laufe ich an yardan bibas vorbei. es gibt eine merkwürdige dankbarkeit, sie sehen zu dürfen. was für ein glück, ich denke, was für ein verdammtes glück, sie sehen zu können. ariel cunio ist nicht da und niemand erwähnt ihn. eine weitere leere und sie freakt mich seit tagen aus.

mir fällt erst hier auf, dass es neue filme und dokumentationen gibt: saturday october 7; 12 hours in october; rita. beim rumsuchen finde ich noch viel mehr. die neue staffel fauda erscheint und ich will sie sehen und ich habe so krass angst sie zu sehen.

alles ist wieder näher und wenn ich ehrlich wäre, tut es mir gut, dass alles wieder näher ist und ich darin wieder sein kann.

vor ein paar tagen gab es berichte über einen terroristen, der gestanden hat, die leiche von Oron Shaul mehr als zehn jahre in einem kühlschrank aufbewahrt zu haben. der damals 20jährige soldat war 2014 in der shejaiya nachbarschaft von gaza city ermordet und anschließend verschleppt worden. ein information der idf übergab ihn im januar 2025 an israel. und im kibbutz azza wurden knochensplitter gefunden, von denen man hoffte, sie würden Niril Zini gehören, der am 7. oktober mit seiner freundin Niv Raviv dort ermordet worden war. die terroristen hatten seinen kopf abgetrennt, der seitdem verschollen ist. ein paar tage später stellt sich heraus, dass die knochen zu einem terroristen gehören.

20260524, abends

ich beneide menschen, denen etwas von außen passiert, was sie dann zu einer entscheidung bringt. das szenario I in meinem fall: mal für zehn tage nach israel gekommen zu sein, jemanden kennengelernt und sich verliebt zu haben und dann eben hier herziehen, drei kinder bekommen und vielleicht noch konvertieren. szenario II: jemanden treffen, der meine arbeit gut findet und mich auch ein bisschen und dann sagt: hier, komm zu uns an die uni und forsche. also so begegnungen haben, die das eigene handeln beeinflussen und die umsetzung erleichtern, weil jemand dabei ist, der:die einen begleitet und unterstützt und auch noch für die zweifel und unsicherheiten da ist. alles bei mir ist so schwer erarbeitet. so sehr nur davon abhängig, dass ich es hinbekomme, dass ich es überlege, dass ich es entscheide und dass ich auch noch weiß, wie ich es möglich machen soll. dass beneide ich vor allem mal wieder, weil in meinem kopf seit dezember die vorstellung, hier zu sein wieder deutlich naheliegender ist. aber wenn ich darüber reden würde wollen, würde das schon bedeuten, dass ich wüsste wie und einen plan habe, bereit bin, etwas dafür zu tun oder doch wenigstens irgendwas genaues sagen kann. und vor allem die bereitschaft habe, die untauglichen ratschläge von menschen zu hören, die weder etwas konkretes wissen noch tatsächlich helfen können.

ja, ich denke viel darüber nach, ob ich, dass ich einsam bin.

jemand erzählt mir, dass sie einen job nicht annehmen kann, weil sie einfach nicht mehr in der lage wäre, israelischen studierenden zu sagen, dass ein studium in europa und/oder deutschland eine hervorragende idee ist. die kellnerin in einem cafe will nicht aufhören mit mir zu sprechen, weil sie es so schön findet, dass ich gekommen bin. ich treffe eine freundin und erschrecke, weil ihr gesicht plötzlich voller sichtbarer falten ist. ich treffe eine andere freundin und habe keine energie für ihre hoffnungslosigkeit und eine damit einhergehende aggressivität. ich verabschiede mich von ha. mit dem gedanken, dass ich sie vielleicht nie wiedersehe. sie ist so dünn geworden, so zerbrechlich, dass ich sie nur zaghaft umarme, was den gedanken noch schlimmer macht. es ist shavuot und ich bin fünfmal zum essen eingeladen. es gibt irritierend oft tzaziki und enttäuschend selten käsekuchen. ich verbringe einen abend mit einer größeren gruppe (von paaren) und schaffe es, mich tatsächlich als teil zu sehen. ich bin endlich zum meer gegangen. am strand gab es mindestens drei parties und ich habe mich kurz in dem tlv gefühlt, das andere immer sehen. ich kann nicht so richtig unterscheiden, was tatsächlich ist und was nur so aussieht. wenn ich mit jemandem im cafe sitzte reden wir immer darüber, wie es sein kann, dass menschen einfach so im cafe sitzen und es geniessen und brauchen ein bisschen für den satz: wir ja auch und uns sieht man es auch nicht an. funktiuoniert bisher in allen begegnungen. ich schlafe einfach nicht ein. ich bin wieder nachlässiger mit dem vorbereitet-sein. ich weiß nicht, ob ich den nachrichten trauen soll und wenn ja, welchen. jemand schrieb heute bei bluesky, dass sie auf den angriff warten und den shelter offen halten. ich denke: hm? und merke, dass das warten einfach nur die hintergrundfolie ist und ich morgens zum beispiel gedacht habe: was ist, wenn ich jetzt dusche, und der alarm beginnt. ich habe heute einen tag allein und nicht sprechen gebraucht und ein schlechtes gewissen deshalb. ich werde die letzten zwei wochen in der nähe des rabin platzes wohnen und muss es mir ein bisschen schönreden.

jemand soll kommen und mich fragen, wie es mir geht und die zeit haben, mir zuzuhören.

20260518, abends

an s. ein lustiges ‘wann kaffee’ geschrieben und sie ruft fast sofort an und es dauert dann nur noch ein paar weitere minuten, bis sie weint, weil ich tatsächlich gekommen bin. meine fähigkeit, große gefühle zu haben, steht meiner fährigkeit, mit den großen gefühlen anderer umzugehen, diametral entgegen. sie sagt, dass die sechs wochen des letzten irankriegs sie gebrochen haben und erzählt dann, wie es war, dass kaum jemand aus deutschland sich bei ihr gemeldet habe, wie die abwesenheit jeglicher emphathie und jeden interesses sie noch zusätzlich kaputt gemacht haben. gestern nacht konnte ich stundenlang nicht einschlafen. dabei war nichts in meinem kopf. ich konnte einfach nur nicht einschlafen. heute li. getroffen und fast keine kraft gehabt, ihre erzählungen auszuhalten. ich kann nichts sagen, gegen diese mutlosigkeit und leere. auf der rückfahrt gedacht, dass das vielleicht eine ganz blöde idee von mir war, hierher zu kommen. eine liste mit anweisungen von ihr bekommen, über einen gepackten rucksack und was da alles reinsoll.

20260516, nachts

vorgestern durch einen der nebenliegenden parks gelaufen und die bänke waren alle gelb und ich dachte, gelb ist also jetzt einfach wieder gelb. manchmal fallen mir noch transparente an hauswänden auf, übriggebliebene erinnerungen. ich besuche m. und n. in kiryat shalom und wenn wir uns nicht über die situation in europa unterhalten, streiten sich beide lautstark, wer von ihnen antisemitismus verharmlost. die intensität überträgt sich in meinem körper. heute habe ich kopfschmerzen und kann erst abends das haus verlassen. sehe war diaries im habait theater und wie immer wenn ich einen ort aufsuche, der eigentlich zu a. gehört oder einer erinnerung an uns, fühle ich mich danach als hätte ich einen sieg errungen. irgendwann war mir aufgefallen, dass ich im februar oder märz 2024 im apartment der schauspielerin/ autorin des stücks gewohnt habe und das ist nicht nur merkwürdig, sondern macht das alles seltsam intim. e. sagt nach dem ende des stücks, dass wir zwar die ganze zeit über den krieg, die erfahrungen etc. sprechen, aber das es bisher wenige künstlerische auseinandersetzungen gibt.

irgendwas ist und ich kann es nicht greifen.

20260513, nachts

erst auf dem flug fiel mir auf, dass es meine erste rückkehr nach der freilassung aller geiseln ist. niemand beim anflug wünscht mehr, dass sie bald zu hause sein mögen, keine bilder mehr an den automaten zur einreise, keine installation aus den ketten mehr, keine plakate auf dem weg zur passkontrolle. eine seltsame leere und eine noch seltsamere leichtigkeit, kurz jedenfalls. die einreise wird mir schwer gemacht und die worte der frau in der box klingen immer noch nach. der flughafen hat eine merkwürdige verlassenheit. immer noch oder vielleicht auch schon wieder. wir sind nur sechs menschen, die an der nicht-israelis passkontrolle warten. alles ist (wieder) anderes und einiges gleich. eine rückkehr in gewohntes ist es nur bedingt. bis ich in der wohnung angekommen bin, werde ich drei szenen erlebt haben, in denen menschen sich wegen kleinigkeiten anschreien. ich brauche länger als sonst, anzukommen. weiter gestiegene preise und der für mich nachteilige wechselkurs machen das alles zu einem finanziellen einschnitt, so groß, dass der gedanke aufkommt, dass ich vielleicht im oktober nicht hier sein kann. ich lese vom problem neuer jugendgangs im süden der stadt und bin nicht sicher, ob das etwas ist, das mir jetzt sorgen machen soll. später werden mich noch zwei leute darauf ansprechen. als ich heute mit dem bus durch die stadt in ihren norden fahre, bemerke ich und bin erleichtert, dass ich keine zerstörungen sehe. mir fehlt noch die kraft dafür und ich beschließe, es gezielt und bewusst zu machen, um dem schreck eines zufalls zu entgehen. an vielen gebäuden hängen riesige plakate. werbung für filme oder für quatsch. sie bespielen den raum der zeichen, der bis vor fünf monaten noch den geiseln und der forderung nach ihrer rückkehr gehörte. banalitäten haben die leerstellen neu bespielt. am dach der philharmonie ist das ‚bring them home’ abgebaut. natürlich. ich hole jetzt etwas nach, das mir im januar in deutschland fehlte. die verzögerung braucht zeit, mich zu erinnern, damit ich alles einsammele. es gab so viel selbstverständliches, dass mich einige abwesenheiten überraschend treffen. 

bei oren treffe ich itay. ich habe ihn so lange nicht gesehen, dass ich ihn kurz nicht erkenne. und dann für den rest des abends wieder weiß, warum ich ihn so mochte. das erste worüber wir sprechen, ist der 7. oktober und er ist auch die markierung, an der wir abschätzen, wie lange wir uns nicht gesehen haben. ich habe 21 menschen geschrieben, dass ich da bin und mein leben beginnt sich zu ordnen. schnell geht das jetzt. dass ich mir früher immer erst eine woche nur für mich gegönnt habe, ist auch nur noch anekdote. auf dem flughafen in berlin anne rabes ‘die möglichkeit von glück‘ gekauft und wie es ist bei dingen, die einen überraschend treffen und verbinden, entsteht ein strudel von emotionen und der verdacht von wiedererkennung. sprache, herkunft, die innewohnende angst, das nicht zurück können. davor rachel goldberg-polin. und jetzt wissen, wie man über trauer schreiben kann. der trick, woanders hinzufahren, um selbst mit dem schreiben zu beginnen, funktioniert.

20260313, mittags

letzter tag in LA. auch wenig geschrieben, weil es wenig zu schreiben gibt. oder weil ich dachte, dass es wenig zu schreiben gibt. oder vielleicht weil ich nach sieben stunden im archiv und mindestens drei stunden busfahrt plus variierenden zeitlängen irgendwo rumstehens und auf den bus wartens einfach keine lust mehr hatte. zudem ganz einfach zu viele gefühle, eindrücke und gedanken, die kein klares bild ergeben. natürlich, weil ich kaum gesprochen und sie so geordnet habe. aber auch, weil die realitäten und momente und empfindungen beim wahrnehmen, sein und machen erstaunlich uneinheitlich sind. mittwoch letzter tag im archiv und nun zwei tage “frei” und mein blick auf die stadt und das hier-sein entspannt sich. doch noch ein cafe gefunden, in dem es sich schreiben lässt. eine komische fremdheit bleibt, ein nicht-verstehen der gegenüber. also jenseits der suggerierten offen- und freundlichkeit des grüßens auf den wegen und vor allem jenseits des grundsätzlich gewohnten. ich verstehe irgend etwas im grundsätzlichen nicht. das schafft nicht nur distanz und fremd-fühlen, sondern vor allem extreme unsicherheit und misstrauen. das ist, wie gesagt, in den begriffen nicht neu, sondern trotzdem irgendwie verschoben.

20260303, abends

es ist anstrengend und ich werde kein fan von los angeles. aber ich denke immer wieder, wie gern ich reise, wie gern ich unterwegs bin, wie gern ich mich in neue räume finde, wie es mir gefällt, plötzlich straßen zuordnen zu können, buslinen und -stationen, gegenden, alltag zu organisieren, wie ich denke: ach, diese vielen zelte von obdachlosen standen doch aber letzte woche noch nicht hier. ich habe noch kein lieblings-cafe gefunden und vielleicht wird das auch nicht mehr passieren. und überhaupt habe ich noch keinen essensort entdeckt, bei dem ich mal dachte, dass sich die investition gelohnt hat. weil alles essen ist hier ernsthafte investition. nur eben nicht in etwas tolles. aber ich habe herausgefunden, dass der kaffee-wagen im getty schon ab 8 uhr offen ist und man dann da sitzen kann, fast allein und mit blick über die stadt am morgen. ich habe auch herausgefunden, dass es einen eingang für menschen mit karte gibt und dass da fast immer ein shuttle wartet, das einen die letzten meter “nach oben” fährt, auch wenn man ganz allein kommt. ich mache bekanntschaften im archiv und ich mache bekanntschaften auf dem flohmarkt. diese art, bei der man erzählt, warum man hier ist und dass man gerade das schindler house besucht hat und das gegenüber dann erzählt, dass er bei einer dokumentation über dessen architekten – rudolph schindler – mitgearbeitet hat. und dann gibt es so eine weile, in der ich die stadt sehr mag. weil man offenbar wirklich immer menschen trifft, die mal was mit film gemacht haben, die 80-jährige frau eines morgens im shuttle zum beispiel, die jetzt im getty volontiert und ihr leben mit den kostümen in filmproduktionen verbracht hat. aber ich, die schnell immer zu-hause ist, wird hier nicht richtig heimisch. und trotzdem denke ich schon mit unbehaglichem widerwillen, dass die zeit zu ende geht. das diese art von sein wieder zu ende geht. und dass es vielleicht doch etwas zu finden gibt, in dem ich mich finden kann. aber dass es mir nicht gelingt, weil die stadt so groß ist, weil man allein so orte nicht findet, weil es etws braucht, dass ich nicht mitbringe.

freitag abend im museum hammer gewesen, die zeitgenössische kunst zeigen. irgendwas hat mich irritiert, bis mir auffiel, dass es gar nichts zu sehen gibt, das 7.-oktober-verknüpft ist. erst gedacht, na ist ja auch nicht israel, und dann die leerstellen, dass es hier eben entweder keinen raum gibt für künstler:innen, die sich damit beschäftigen und dass es im denken der meisten keine spuren hinterlassen hat. mich gelangweilt. und fremd gefühlt. dann stundenlang mit alex telefoniert. als wir auflegen, hat der krieg begonnen. ich hatte nachmittags schon kurz geweint, nachdem ich mit sígal gesprochen hatte und die anspannung sich plötzlich durch meinen körper zerrte. jetzt viel alarm. samstag schlägt eine rakete ein und ich weiß, wer alles in der nachbarschaft wohnt. jmd. schreibt, dass es das cafe, dass wir mochten, nicht mehr gibt, jmd. anderes, dass die fenster in seiner wohnung kaputt sind, eine freundin schickt ein video von den verwüsteten räumen ihres hauses. ich streite mit einer 80-jährigen, die kaum englisch spricht über whatsapp, weil sie darauf beharrt, in ihrer wohnung zu bleiben, die keinen schutzraum hat. jmd. schreibt, dass es für mich viel schwerer ist, weil man natürlich verrückt wird, in der entfernung. tatsächlich schlafe ich. tatsächlich wache ich nur einmal in der nacht auf. es gibt eine komische gewöhnung an die vielen alarme auf dem telefon, daran, dass man regelmäßig nachfragt, grüße schickt, liebe, angebote für unterkunft zu sorgen, falls jmd. raus will. ich lese nicht mehr nachrichten als vor einer woche. auch deshalb nicht, weil mich das reden der alten männer über krieg nervt, weil ich ihnen nicht traue, weil mich kriegsziele nicht interessieren. wenn ich könnte, würde ich sofort hinfliegen. es braucht so wahnsinnig viel kraft, tatsächlich zu haben und ruhe zu spielen.

mit männern leben ausgelesen und sowieso ja nicht aber mit all dieser klarheit nun ganz und gar nicht wissen, wie das noch gehen soll, mit männern leben, die erbrachten verdrängungsleistungen sind aufgegeben, endlich. wie also das bewusst-haben austricksen? und noch etwas macht das buch: Manon Garcia schreibt immer wieder und besonders am ende nochmal ausführlicher, wie die anwesenheit in dem gericht, die beschäftigung mit den taten es ihr verunmöglicht, in ihren bisherigen umgebung einfach zu sein, wie müde sie ist, immer wieder das gleiche zu erklären, wie der zugang zum alltag schwindet und ich fühle es so sehr. anderes thema, gleicher effekt. kurz nicht allein sein mit den erfahrungen.

20260221, morgens

letztlich weiss ich es einfach sehr zu schätzen, an orten zu leben, in denen auch fremde einen grüßen, nur weil man den gleichen coffeeshop besucht. aber auch schon geweint, weil es so umständlich ist, jeden tag ins getty zu kommen. mein schlafrhythmus hat sich verschoben, was allerdings vorteile hat, weil früh aufstehen, coffeeshop und eine stunde privates schreiben vor archiv mich irrational glücklich machen. überhaupt viele gefühle: nach all dem stress der letzten wochen und der unsicherheiten, ob überhaupt fliegen, habe ich erst jetzt gemerkt, wie besonders, wie aufregend, wie einzigartig und was für ein glück das ist. mehrmals kurz und manchmal länger high gewesen davon. und manchmal wenn ich durch die stadt fahre, und es durch diese ganze soziale-gedächtnis-sache so vertraut ist und dann plötzlich so abgefahren, weil es wirklichkeit ist und ich darin, dass ist das strange und dann aufregend und dann richtig gut. hinzu kommen: allein-sein. ich kenne hier einfach niemanden und bekomme es natürlich auch nicht anders hin. was bedeutet, dass alles nur für mich und mit mir stattfindet. mein kopf räumt sich ein bisschen auf, auch durch die regelmäßigkeit und wiederkehr dessen, was ich tun muss. dass ich selbst früh wach werde, hilft mir beim aufstehen und den tag anfangen. es macht auch, dass ich angst habe, es wieder zu verlieren, weil wenn das nur mit wecker geht, dann wird es emotional kippen. archivarbeit ist anstrengend. auch für meinen körper. das weiß ich natürlich schon vorher, aber das macht es nicht besser. es passiert viel im kopf. und ideen für bisher drei neue bücher. zu wenig zeit, das nebenbei besser zu denken und zu ordnen. die menschen wirken sehr hell, sehr entspannt, sehr brav, irgendwie sieht es immer so aus, als wären alle im urlaub (dieser eindruck vom ankunftswochende trägt offensichtlich). alles nicht sehr meins. irritierend ist, wie leer es ist. hier auf den straßen und am strand, aber auch zum beispiel im getty und auf den wegen, die ich dorthin gehe/fahre. das meer ist nur zehn minuten, aber nach sieben stunden im archiv und mindestens drei stunden öffentlicher nahverkehr könnten es auch zehn stunden sein. alles ist wahnsinnig teuer. supermärkte sind der hammer. aber ich habe immer den langen moment, wo ich einfach wieder rausgehen möchte wegen überforderung und nicht entscheiden können. es gibt dinge, die so schön sind. busfahrer:innen zum beispiel. nicht nur einfach freundlich, sondern aufmerksam. mehr als einmal einfach durchgewunken worden. immer achten sie auf die schwachen, fragen menschen mit behinderungen an den haltestellen, wohin sie wollen und ob mit ihrem bus. warten geduldig, bis alle sitzen oder bis alle ausgestiegen sind. nehmen obdachlose mit, bitten sie nur darum, sich zu benehmen. grundsätzlich die angst, nicht genug zu machen, zu sehen, zu erfahren. höre schon jetzt, dass mich leute fragen, wie denn die stimmung ist und ich werde es nicht beantworten können. weil zur hölle ich ausser mit dem taxifahrer vor einer woche mit niemandem gesprochen habe. hinzu kommen die tipps wo ich unbedingt hingehen soll. drei stunden fahrzeit enfernt, total uninteressant für mich und/oder mind. 150 euro eintritt. auch im anderer menschen wünsche aufsuchen bin ich eine enttäuschung. aber ich will mich nicht beschweren.

vor zwei wochen ist ein interview mit ariel cunio und arbel yehudi veröffentlicht worden. ich lese danach irgendwo, dass alles, was wir gehofft haben, dass es ihr nicht passiert ist, ihr passiert ist. mirna funk balagan angefangen. es nicht nur weggelegt, sondern entschieden, es hier zurückzulassen. bestimmt ungerecht zu sagen nach 42 seiten, aber nicht nur: was für ein albernes buch, sondern auch: warum schreibt sie es so lächerlich. jetzt: Manon Garcia: mit männern leben. hätte ein lektorat gebraucht, sollte nicht das erste sein, was man zu einem buch denkt. besonders nicht zu so einem buch. das denken erweitern. strukturen immer besser verstehen. die wahrnehmung radikalisieren. was hier alles manchmal nur in 5-seiten-lesen-schritten geht. auf der rückseite steht: “Feministinnen wird oft vorgeworfen, sie würden Männer hassen. Manon Garcia dreht den Spieß um: Was wäre, wenn es die Männer wären, die Frauen nicht mögen?” und ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass da “nicht mögen” steht. denke seit tagen darüber nach, was das bedeuten soll. warum da nicht hassen steht. es geht doch wohl nicht darum, dass sie uns einfach nicht leiden können. “Letter for David” lief auf der berlinale, nun mit einem ende. annika schickt mir bilder und ich muss weinen. stranger gedanke, in los angeles zu sitzen und lieber dabei gewesen zu sein. berlinale ansonsten die mittlerweile üblichen elemente einer shitshow der kulturellen. verzweifle zunehmend, wenn menschen vor mir sitzend oder stehend sagen, dass es nun ja alles wieder ruhiger geworden ist. womit sie besser meinen. für sie. weil sie irgendwie alles einfach ignorieren können.

20260216, vormittags

so anstrengend der flug ist, so entspannt ist es, anzukommen. wobei letzteres natürlich erst gilt, nachdem ich durch die kontrolle bin und überrascht. auch, dass mein gepäck tatsächlich auf dem band liegt. mein taxifahrer redet die halbe stunde bis zur wohnung durch. es gibt zunächst einen moment lang ein vorsichtiges herantasten an den politischen rahmen, in dem wir uns bewegen können und dann redet er einfach, krudes zeug, gutes zeug. trumpwähler wegen wunsch nach geschlossenen grenzen, jetzt entsetzt, was es alles mit sich bringt. gleichzeitig glaube an das demokratische system, das eben dafür sorgen wird, dass er auch wieder abgewählt wird. gute überlegungen / beobachtungen werden permanent unterbrochen von verschwörungskonzepten und -erzählungen, einem rückzug ins private, der nichts von anderem wissen will, ungereimtheiten, distanzierungen; vom eigenen handeln aber auch vom handeln anderer. ich denke so wird sie also werden diese reise und bin plötzlich aufgeregt, was ich alles hören und lernen und sehen werde. wie lange ich nicht neu irgendwo war. am nachmittag zum meer gegangen und den ort im kopf nicht überein bekommen mit mai 2023. fragmente erinnert mich, dass wir delphine gesehen haben. und ich wüsste gerade gar nicht, wohin ich dafür gehen soll. vor müdigkeit aufgegeben und mir damit die möglichkeit zerschossen, unkompliziert einen guten rhythmus zu bekommen. gestern viel gelaufen, das claus oldenburg/frank gehry – binoculars building angesehen, auf einem farmers markt gewesen, Irving Gills Horatio West Court besucht, was leider nur von der straße aus geht, am strand in santa monica gesessen, zu einem supermarkt gelaufen, sehr überfordert gewesen und gedacht, dass ich verhungern könnte, nur weil ich mich nicht entscheiden kann. versucht, preise nicht bestimmen zu lassen. herausgefunden, dass man als amazon prime-member rabatt bekommt. durch die gegend gelaufen, die schön ist und dabei gedacht, dass menschen, wenn sie sagen, dass sie los angeles gut finden, sie vielleicht venice und santa monica meinen könnten. manchmal ist es in diesen wohnstraßen so still, dass es unheimlich ist. um die ecke gibt es eine super poshe straße mit geschäften und restaurants und coffeeshops und alle tragen helle klamotten und sehen nach urlaub aus. vielleicht macht das die gegend mit einem. oder wenn man halt reich ist. morgens, als alles noch leer ist, fährt einer dieser cybertrucks an mir vorbei und es fühlt sich an wie aufgewacht in einer zukunft oder einem film, jedenfalls vor allem unheimlich. ich kaufe kaffee in einem laden, der zudem japanische skincare anbietet und wundere ich nicht allzu sehr. aber der kaffee ist schlecht und ich erinnere mich, dass der kaffee immer schlecht war bis auf den einen moment, als ich in einem hipster coffeeshop in san francisco war. es nützt mir nichts. nachmittags versuche ich ein bisschen freizeit zu planen für die kommenden vier wochen. ich entdecke häuser, die ich sehen will und gegenden, in die ich möchte. beschäftige mich ewig mit palm springs, um dann einsehen zu müssen, dass ich ohne auto nicht hinkommen werde. arbeite heute, versuche den zweiten teil der reise besser zu organisieren. bin müde davon, menschen mails zu schreiben und entscheidungen zu treffen über dinge, die ich nicht wirklich absehen kann. es regnet. ich denke, vielleicht ist das der krasseste regen, den ich je erlebt habe. aber gleich anschließend bin ich nicht sicher, wie ich das eigentlich vergleiche. sicher bin ich nur, dass so starker regen in einer wohnung, in der man neu ist, noch unheimlicher ist.

20260127, abends

gestern nachmittag gab die idf bekannt, die leiche von Ran Gvili in gaza lokalisiert und nach israel gebracht zu haben. die letzte geisel ist 843 tage später zurück und zugleich wird zudem zum ersten mal seit 14 jahren kein israeli in gaza gefangen gehalten.

so sehr ich auf diesen moment gewartet habe, so überfordert bin ich. es folgen viele kleine gesten, die ketten werden abgelegt, die bildschirmbilder und avatare geändert, später fällt mir auf, wie viele verweise auf die forderung zur freilassung der geiseln sich seit zwei jahren und drei monaten in meiner wohnung befinden. ich räume sie weg, nehme sie ab und weiß noch nicht, wie man mit ihnen verfährt. wird es eine zeit geben, in der ich die tshirts zum joggen oder schlafen anziehe, weil sie nichts mehr bedeuten?

frau fragmente ist die einzige, die mich anruft. selbstsicher sage ich, dass ich abends mit jemandem etwas trinken gehen werde. stattdessen muss ich feststellen, dass niemand aus meinem umfeld in deutschland auf die idee kommt, dass das eine gute idee ist, dass ich das brauchen könnte. ich denke seit einigen wochen aus vielen richtungen über etwas wie meine sehr persönliche einsamkeit nach und plötzlich bekommt sie einen konkreten rahmen. plötzlich weiß ich sehr genau, was sie bedeutet. und dass sie mehr ist als eine momentaufnahme, als das bewusstsein dafür, dass etwas fehlt. wie halt manchmal etwas fehlt.

heute abend wurde die tafel, die die zeit zählte, falls wir es mal vergessen, erst angehalten, dann abgeschalten. morgen wird Ran Gvili beerdigt. ich wäre gern da. dieses leise nagende heimweh, das einen schleier über alles legt, wird plötzlich ziemlich schmerzhaft. der gedanke, ich könnte unzufrieden sein mit den getroffenen arrangements, ist nicht mehr zu ignorieren. aber es wird niemand kommen, um etwas für mich zu lösen. ich stürze und meine schulter schmerzt wie hölle, aber ich kann nicht zum arzt gehen, weil mir die kraft dafür fehlt und weil ich angst davor habe. auch, weil ich seit gestern nicht mehr weiß, wen ich im hilfe bitten kann. ich denke, dass ich zu einer dieser personen geworden bin, die krank sind und über die man später immer fragt, wie es so weit kommen und wie sie es so weit ignorieren konnte. ich ahnte immer, dass das ganz einfach ist. nun habe ich es mir bewiesen.