20240113

den gestrigen vormittag in meinem #bringthemhome hoodie vor dem computer gesessen und israels verteidgung vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeguckt. ein versuch, in den niederlanden die bilder von den entführten an plakatwänden anbringen zu lassen, wurde von mehr als zehn der angefragten firmen abgelehnt mit der folge, dass keine bilder von den entführten an plakatwänden angebracht werden konnten. immerhin hat deutschland sich nun bereiterklärt, als dritte partei ebenfalls ein statemant vor dem gericht zu geben, zugunsten von israel und gegen die instrumentalisierung des genozid-begriffs.

offenbar hat israel in verhandlungen nun erreicht, dass geiseln ihre medikamente bekommen können. nach 98 tagen. angehörige der entführten und frauen von #metoounlessyouareajew haben zuletzt an der grenze kundgebungen abgehalten, während der sie unter anderem mit lautsprechern bzw. megaphonen botschaften nach gaza gerufen haben. am habima platz gibt es eine neue kunst-installation, auch am flughafen ben gurion für die ankommenden. an (viel zu wenigen) anderen orten in der welt gibt es kundgebungen. in new york zum beispiel. ich höre den ausschnitt einer rede von daniel ryan spaulding und ärgere mich, dass ich nie eine seiner shows besucht habe, als er noch in berlin war. bis jetzt habe ich noch nicht rausgefunden, ob es etwas und/oder was es für veranstaltungen in berlin gibt. aber allein, dass man sie suchen muss und es nicht einmal für mich offensichtlich ist, dass und wo etwas stattfindet, beschreibt die situation hier vielleicht zu gut.

gestern nachmittag k. getroffen und darüber diskutiert, ob es noch hoffnungen für 18jährige geben kann, mit mehr bildung nicht mehr antisemit:innen zu sein und in welchem verhältnis dies alles zu möglichen verfehlungen unserer eigenen vergangenheit steht. kann mich nicht an den moment erinnern, in dem er anfing, der positiviere von uns zu sein. es ist nicht neu. ich kann mich nur einfach nicht daran gewöhnen. er schenkt mir ein kleines buch von terry pratchett, dem tod die hand reichen; die veröffentlichung einer rede, der pratchett die er im rahmen der dimbleby lecture hielt, nicht lang nach seiner alzheimer-diagnose. ich wusste nicht, dass es dieses buch gibt. und ich weiß noch nicht, ob ich es lesen kann. zu verführerisch ist der möglichkeit, noch ein bisschen damit zu leben, dass ich ein ungelesenes buch von terry pratchett besitze.

abends in meinem #bringthemhome hoodie ein paket bei dem wirklich süssen israeli im hinterhof abgeholt. im leben besserer menschen wäre dies ein wirklich idealer moment für den beginn einer liebesgeschichte gewesen.

heute sind es 14 wochen. morgen sind es 100 tage.

20240110

beim aussteigen aus dem flugzeug schien die sonne und ich dachte: so schlimm kann es also gar nicht sein. es war dann aber doch so schlimm.

erste tage nach der rückkehr sind immer merkwürdig. einerseits ist es ganz schön, weil viele menschen sich mit mir treffen und reden wollen. es gibt eine eigene intensität im sozialen, die mich erst einmal nicht allzusehr innerlich crashen lässt. andererseits ist eine diskrepanz der realitäten offensichtlich. wie sich dinge anfühlen und wie sie schmecken. oder das man hier nicht einfach andere menschen im öffentlichen raum anspricht. das es hier oft deutlich leiser ist. früher® erschien die ersten tage in deutschland zudem alles immer lächerlich billig. aber das hat sich im laufe der zeit angeglichen. alltag kommt einem hier leichter vor. es fehlen eine gewisse anspannung und intensität, ein bewusstsein für die permante gefahr von anschlägen und gewalt. alles ist irgendwie weniger dicht. vieles an themen erschien mir hier immer lächerlich und/oder luxus; etwas, das sich verstärkte, als ich im frühjahr 2023 zurückkam. nach drei monaten protesten und gesprächen zur demokratie, zu konkreten und existenziellen ängsten um die zukunft eines landes, und damit des eigenen lebens. jetzt sind die unterschiede natürlich nochmal anders, gravierender. was genau das alles umfasst und wie ich darauf reagiere, weiß ich noch nicht genau. aber das meine geduld mit der gegenwart vieler menschen um mich herum nun noch geringer sein dürfte, ist schon klar. und dass ich mich noch fremder, noch distanzierter erlebe, auch.

es macht mich wütend, dass die situation der geiseln und die angst vor dem, was mit ihnen ist, nicht zum permanenten alltag gehört, zum beispiel.

nicht, dass es in Israel nicht auch menschen gibt, die sich nicht (mehr) damit beschäftigen wollen. am letzten abend habe ich zum beispiel einen jungen mann getroffen, in berlin lebender israeli, der, so sagte er, nur in tel aviv war, um sich zu amüsieren und mit freund:innen auszugehen. ich wollte da nicht weiter nachfragen und will das auch definitiv nicht verurteilen (und das sage ich nicht nur so), aber ich würde gern in ein paar tagen wissen wollen, wie gut das so lief. und so oder so: nicht nur, dass er der situation sowieso nicht entfliehen kann und es eine enorme verdrängungsleistung bedarf, sich zu entscheiden, die ereignisse in israel, aber allem auch die bedingungen in deutschland auszublenden, ist das seine bewusste entscheidung, für die er einen preis zahlt, während die ignoranz hier ja für viele (bestenfalls) einfach damit zu tun, dass es sie wirklich nicht interessiert.

morgens auf i24news freigegebene videoaufnahmen gesehen, die hamas-terroristen mit ihren bodycams am morgen des 7. oktober aufgenommen hatten, wie (einfach) sie die zäune, absperrungen und tore überwinden, in eine militärbasis eindringen und in einen kibbutz. wie sie straßen und wege entlang gehen, rennen und fahren, wie sie schreien, in fenster hineinschauen, schießen, granaten werfen, ein haus anzünden. man sieht nicht die tatsächliche gewalt gegen israelis, aber allein diese ausschnitthaften bilder des morgens sind so verstörend und beängstigend, dass es nicht mehr braucht, oder ich nicht mehr brauche, um wieder zu weinen.

heute morgen wurde bekannt gegeben, dass der 24jährige Elkana Newlander in gaza gefallen ist, gestern veröffentliche die IDF die namen von neun gefallenen soldaten: Sergeant Roi Tal (19), Sergeant first class (res.) David Schwartz (26), Sergeant first class (res.) Yakir Hexter (26), Sergeant first class (res.) Gavriel Bloom (27), Master Sergeant (res.) Amit Moshe Shahar, (25), Captain (res.) Denis Krokhmalov Veksler (32), Captain (res.) Ron Efrimi (26), Sergeant Major (res.) Roi Avraham Maimon (24) und Sergeant Major (res.) Akiva Yasinskiy (35). Insgesamt sind es nun 186.

20240109, sehr früh morgens, eigentlich noch nachts

2008 erschien leon de winters roman “recht auf rückkehr” und wie alle leon de winter romane habe ich ihn in weniger als 24 stunden durchgelesen. das buch hat mir so eine angst gemacht, dass ich wenige tage später einen flug gebucht habe und zum ersten mal alleine nach israel geflogen bin. es klingt abgedroschen, aber ich musste nachsehen, dass noch alles da ist. ich war rund zwei jahre vorher schon mal in jerusalem gewesen, mit einer freundin, die lange in der stadt gewohnt hatte. in tel aviv war ich von dem moment an verliebt, als wir bei einem kurzen ausflug das auto an der kreuzung ben gurion blvd. / dizengof verließen. ich wusste es einfach. wie in jeder klischeehaften geschichte.

diese komische angst hat mich fast nie wieder verlassen. fast jedes mal, wenn sich der flug nach berlin wieder nähert, kriecht sie in meinen körper. sie lähmt mich immer ein bisschen. und manchmal macht sie mir das atmen schwerer. fast egal wie oft ich weggeflogen bin und fast egal wie oft ich wiedergekkommen bin. einmal war sie weg: ich hatte ein engmaschiges hin- und herfliegen etabliert und anfang märz 2020, sachen dagelassen und mich von menschen nicht verabschiedet, nur gesagt: in vier wochen bin ich wieder da. und als der mensch, in den ich damals verliebt war, mir schrieb, ich solle nicht ins flugzeug steigen, lachte ich ihn aus und sagte, er soll sich nicht so anstellen. rd. eine woche später wurden die grenzen geschlossen.

damit, dass ich vor ein paar tagen angefangen habe, die sachen, die ich hier lassen will, in eine box zu packen, kam die angst schon etwas früher zurück und weniger schleichend. als ich gestern nachmittag im cafe saß, schrieb mir jemand eine nachricht über angst und hoffnungslosigkeit. und plötzlich hatte ich etwas, was vielleicht einer panikattacke nahe kam. mein ganzer körper war sich sicher, dass ich nicht fliegen soll, dass es ein fehler ist, das land zu verlassen. abends im cafe hat om. mir erklärt, dass er nicht glaubt, dass israel in seiner existenz in gefahr ist und die entscheidung des supreme court vor ein paar tagen ihm hoffnung gibt. das allein hat nicht dafür gesorgt, dass ich doch zum flughafen gefahren bin. aber vielleicht denkt ein teil von mir, dass es mir bald leid tun wird, das als gute abschiedworte hingenommen zu haben.

alle abschiede waren diesmal länger.

in guter alter übereifrigkeit eine ankunft in ben gurion drei stunden vor boarding angestrebt, auch, weil diese flüge am frühsten morgen mich nie zum schlafen bringen, und ich immer denke, am flughafen kann ich besser zeit überstehen. den taxifahrer dazu gebracht, dass wir the cure hören. vom betreten des flughafens bis kaffee bei aroma bar bestellen 13 minuten gebraucht. das wird nie mehr zu schlagen sein. der weg durch das gebäude führt immer noch an den bildern der geiseln entlang und ich denke dabei, wie wenig sich dann doch geändert hat seit meiner ankunft.

israel soll die verhandlungen um weitere freilassungen in cairo wieder aufgenommen haben.

der palestinian islamic jihad veröffentlicht ein propagandavideo, in dem Elad Katzir, bewohner von Kibbutz Nir Oz, zu sehen ist.

daily mail hat einen artikel publiziert interviews mit den familien der vier geiseln Liri Albag (18), Karina Ariev (19), Daniela Gilboa (19) und Agam Berger (19) und zeigt dazu porträts der jungen frauen vor ihrer entführung neben stills aus einem propagandavideo der hamas, angefertigt ein paar stunden nachdem sie von der idf-basis in Nahal Oz nach gaza verschleppt worden waren.

Idan Amedi wurde bei kämpfen in gaza verletzt, schwer, aber nicht lebensgefährlich.

20240108, morgens

vorgestern auf der kundgebung überlegt, ob die menschen leiser werden, alles noch fragiler ist als es ja bei meiner ankunft schon war. gestern waren es drei monate, in etwas weniger als einer woche sind es hundert tage. ich sehe jeden tag die mutter von Hersh Goldberg-Polin. wenn ich an die stärke der mütter in dieser situation denke, dann sehe ich Rachel Goldberg. und dann merke ich, dass sie immer kleiner wird, immer zerbrechlicher. und es hört sich an wie ein beschissener abgedroschener satz, den man sagt, wenn man berührt wirken will. aber mir bricht mein herz.

es gibt immer mehr veröffentlichte interviews mit menschen, die ende november aus der geiselhaft der hamas frei gekommen waren. aussagen zur angst, zu den furchtbaren bedingungen, über (sexuelle) gewalt und missbrauch, über körperliche und emotionale grausamkeiten, über die täter und über ihr umfeld, über die tunnel, über den moment der entführung und die wege nach gaza, um die anderen geiseln.

beim spazierengehen mit ha. gestern morgen entlang einer aufreihung von schuhen an der strandpromenade entlang gelaufen; einer installation für die freilasung der geiseln. heute beim morgendlichen kaffee im schaufenster des coffeeshops ein großes bild der geschwister Noa und Gideon Chiell gesehen, die auf dem nova musikfestival waren und am 7. oktober von hamas-männern ermordet wurden. neun tage lang waren ihre familie und freund:innen zunächst davon ausgegangen, dass sie entführt worden waren, bevor bekannt gegeben wurde, dass ihre leichen identifiziert wurden.

erinnerung bestimmt den raum. überall und jederzeit.

20240105, nachmittags

ich gehe seit einigen tagen jeden morgen in einen anderen coffeeshop in meiner nachbarschaft, um meinen ersten kaffee zu trinken und eigentlich als trick, um das haus zu verlassen oder “wenigstens schon mal für einen kaffee verlassen zu haben”. das funktioniert so lange es geht. gestern bin ich danach trotzdem einfach wieder ins bett gegangen. all die energie war sofort wieder weg, als ich die wohnungstür hinter mir schloss.

gestern abend eine freundin besucht, eigentlich die mutter einer freundin, 80 jahre alt, tochter eines überlebenden aus polen, künstlerin. wir sehen zusammen über mehrere stunden nachrichten, darunter einen langen bericht dazu, dass pläne der hamas, massenhaft in israel einzufallen und menschen zu ermorden bzw. zu entführen, seit oktober 2022 innerhalb der idf und des mossad (?) bekannt gewesen sein sollen, es auf regierungsebene aber nicht interessiert habe. mein hebrew ist deutlich zu schlecht, um solche erzählungen wirklich in ihren details zu verstehen. dass hamas und andere sich so etwas ausdenken, ist das eine und war irgendwie auch vorstellbar, dass sie damit erfolgreich sind und es ihnen tatsächlich gelingt, über so viele stunden auf israelischem boden zu sein, so viele menschen zu ermorden und zu entführen, ganze straßenzüge und autos abzufackeln, menschen zu jagen, zu demütigen, zu vergewaltigen, das alles hätte nie passieren dürfen, nichts davon, nicht einen moment. man muss wieder vertrauen haben, sonst kann man hier nicht sein und leben. aber ich bin jetzt nicht mehr sicher, ob das vertrauen vor dem 7. oktober nicht auch bei mir einfach ignoranz war, ein augen schließen und hoffen, dass es schon irgendwie gut geht. und dann bleibt da jetzt diese so grundlegende verunsicherung, und nicht einmal ich, die immer wieder (zu) lange zeiten in deutschland ist, die, wenn hier, dann in tel aviv wohnt, die niemanden unmittelbar kennt, der:die ermordet oder entführt ist, weiß, wie das gehen soll mit dem vertrauen. das hätte nicht geschehen dürfen und ich meine dies in einer sinne von hannah arendt.

nach dem bericht gab es ein interview mit Nili Margalit, einer krankenschwester vom kibbutz nir, die zu den freigelassenen vom 30. november gehörte und die in der geiselhaft versuchte, anderen zu helfen und hamas dazu zu bringen, wenigstens etwas medizinische versorgung zu ermöglichen. nach ihrer rückkehr musste sie unter anderem erfahren, dass ihr vater, Eliyahu Margalit, ermordet wurde, seine leiche aber noch in gaza ist. Nili Margalit war auch dabei, als kurz vor der übergabe an das rote kreuz, hamas-männer, Yarden Bibas, dem vater des vierjährigen Ariel und des Babys Kfir, sagten, dass seine beiden kinder und seine frau Shiri tot seien und seinen zusammenbruch filmten, um diesen anschließend als video zu veröffentlichen. man kann sich nicht vorstellen, wie es ihm geht. und trotzdem denkt man die ganze zeit daran. bis heute, mehr als einen monat später, sind sie nicht zurück. bis heute weiß man nicht, ob hamas aus grausamkeit gelogen hat oder ob sie wirklich tot sind und wie sie starben.

in den letzten tagen wurde die zahl der geiseln noch einmal nach oben korrigiert. nun wird von 136 gesprochen. das zeigt auch, dass es immer noch (so viele) menschen gibt, die noch vermisst werden und deren schicksal am und nach dem 7. oktober nach wie vor ungklärt ist. erst heute morgen veröffentlichte der Kibbutz Nir Oz beispielsweise, das sein bewohner Tamir Adar an diesem tag getötet wurde. auch seine leiche ist noch in der gewalt der hamas oder einer anderen terrororganisation in gaza. er war der enkel von der 85jährigen Yaffa Adar, einer Holocaustüberlebenden, die ebenfalls entführt, dann aber im november freigelassen wurde.

das gehört zu diesen dingen, dass einem die menschen und ihre geschichten, ihr (über-)leben, ihr tod, so vertraut werden.

20240103

an jedem tag steht jetzt ein anderer mensch in meinem mittelpunkt. immer wenn ich denke, dass das mit dem voluntieren eher so mittel lief/läuft, dann versuche ich mir gleich anschließend einzureden, dass mein hiersein vielleicht einfach anderen sinn macht: anderen raum zu geben, zu sprechen. mein impuls, eine zusammenfassung über all die gespräche mit : “das schlimmste ist…” einzuleiten. aber a) weiß ich gar nicht, was das schlimmste ist und b) ist es sowieso kein wettbewerb. und vielleicht ist das schlimmste, dass alles so schlimm ist, jede erfahrung, jeder gedanke, jeder verlust, jede angst, jede unsicherheit. ich habe noch nie das aufeinandertreffen von so viel schmerz erlebt. menschen sind weg, sicherheiten sind weg, glaubenssätze sind weg, selbstgewissheiten sind weg, planungen sind weg, hoffnungen sind weg, elementare vorstellungen einer persönlichen, gesellschaftlichen, politischen zukunft sind weg. sehr viele meiner freund:innen hier sind links und einige haben sich seit jahren in unterschiedlichen projekten engagiert, für frieden, solidarität, bessere bedingungen, konkrete hilfestellungen für palästinenser:innen im westjordernland und in gaza. alles ist weg. nicht nur die konkrete arbeit, sondern auch das vertrauen in diese art der arbeit entgegen allen konkreten, gegensätzlichen erfahrungen und mit der hoffnung, dass es etwas hilft und dazu führt, dass es ein gemeinsames, respektivolles leben neben- und miteinander geben kann. gestern sagte jemand zu mir, dass sie irgendwann wieder mit diesen initiativen anfangen müssten und ich konnte nur denken, dass doch eigentlich “die andere seite” damit beginnen müsste, vertrauen zu ermöglichen und wieder herzustellen.

am montag hat der supreme court das kernelement der justizreform von nethanjahus regierung gekippt: dem obersten gericht sollte die möglichkeit genommen werden, gegen ‘unangemessene’ entscheidungen der regierung, des premierministers und/oder einzelner minister vorzugehen; man kann sagen, dass damit also quasi die unabhängigkeit der justiz mindestens angegriffen, und eigentlich sogar abgeschafft werden sollte. bis zum 7. oktober waren über monate unter anderem jeden samstag hunderttausende auf die straßen gegangen, (vor allem) auch um diese ‘reform’ der regierung zu verhindern. dass sie jetzt also zumindest vorerst unterbunden wurde, hat bei niemandem, mit dem:der ich darüber sprach, etwas positives oder überhaupt etwas ausgelöst. alles fällt nur noch in ein schwarzes loch.

heute sagte jemand zu mir, sie wisse nicht einmal mehr, wohin sie mit den kindern fahren könnte, ohne angst zu haben, dass sie angegriffenn werden und dass nachdem sie sowieso schon seit jahren und selbst in der bayrischen kleinstadt, in der ihre eltern leben, nicht hebräisch sprechen.

die tage sind voll von diesen geschichten und zwischendurch oder gleichzeitig von den bildern der entführten und ermordeten.

20240101

ich sage immer, dass das schönste hier das licht und das essen sind, und dass man so gut und so lange in cafes arbeiten kann, wie man eben möchte, aber vielleicht ist es doch, dass und wie man hier einige ‘feiertage’ fast ignorieren kann. weihnachten zum beispiel und silvester. dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es hier ein feuerwerk gibt, habe ich mittags am telefon zu di. gesagt. und als es dann um mitternacht wirklich laut draussen war, war ich kurz irritiert, bis ich auf dem telefon die rund 70 anzeigen für raketenalarm sah. keiner betraf das zentrum von tel aviv, gruselig war es trotzdem und ich bin nochmal aus dem bett, in dem ich schon lag, aufgestanden, um etwas anzuziehen, für den fall der fälle, schnell ins treppenhaus zu müssen. danach konnte ich lange nicht einschlafen, aber dies reiht sich letztlich nur ein in meine schlafstörungen, die ich seit meinem umzug nach tel aviv habe.

nochmal nach naharija gefahren, um lila zu treffen. eigentlich gibt es nie etwas besseres, um meine gedanken zu ordnen und mich verbunden zu fühlen, um zu wissen, dass ich nicht so allein bin, wie ich oft denke und die eine oder andere wut bestätigen zu lassen. so war es auch heute. aber jetzt bin ich wieder in meiner wohnung und würde gern, dass jemand kommt, und mich umarmt. die sequenzen und anlässe, an denen ich mir eine beziehung wünsche, verdichten sich. auch so eine sache, die mich deprimiert.

als wir im cafe mit unseren sehr guten portionen shakshuka saßen und darüber sprachen, dass ich gerade nicht weiß, was ich tun soll und will und wovon perspektivisch leben, auch, weil ich das gefühl nicht loswerde, dass es irgendwie nicht mehr weiter geht mit dem, was ich mir so vorgestellt habe, dachte ich plötzlich, dass es vielleicht auch unmöglich ist, in so situationen perspektiven zu entwickeln, weil alles, was ich denken kann, ist: ja, aber wozu?

20231230

das alte tagebuch-schreiben-problem: sobald ein paar tage vergangen sind und sich normalität wirklich hergestellt hat, die dinge weniger auffallen, höre ich auf zu schreiben. als ich im juni mein arbeits- buch- und wohnzimmer umgeräumt habe, fand ich vermutlich 15, alles sehr schöne notizbücher, in denen ich unterschiedlich lang phasen meines lebens dokumentiert habe. besonders viele bücher gibt es zu anfängen hier in tel aviv; eine ganz eigene gattung in der sammlung sozusagen.

darüber nachgedacht, ob ich vielleicht gerade auch weniger nachdenke. zum einen will ich bestimmte dinge nicht an mich heranlassen. besonders nicht den tod von carolyn. ich habe angst, dass die traurigkeit darüber meinen körper überrollt, in einer zeit und an einem ort, der so viel kraft und aufmerksamkeit von mir erfordert. immer noch habe ich das gefühl, dass es hier weniger um meine empfingungen geht als darum, einen raum für andere bereitzustellen; für die, die am 7. oktober im land waren, deren politisches, moralisches und emptionales system gecrasht ist, für die, deren kinder, enkel, freund:innen, verwandte in der idf sind, für die, die menschen verloren haben und verlieren, für die angst vor dem, was kommt und was droht, für die unsicherheiten, den schmerz, die traurigkeit. zum anderen weiß ich aber auch sonst nicht wohin mit meinen dingen und gedanken. die situation in deutschland ist so weit weg und so wenig zugänglich, die realität von allen erscheint mir so nett und entspannt, und ich weiß nicht, wie ich mir in all dem zugang und gehör verschaffen kann, und ob ich das überhaupt sollte. ich merke, wie wütend ich oft werde, wenn ich etwas von dem alltag in deutschland mitbekomme. und wie fremd es mir ist. vielleicht sind “die feiertage”, in denen es sich alle mal “schön” und “gemütlich” machen, aber auch keine gute zeit für realität. damit meine ich nicht nur, aber auch, den verharmlosenden quatsch oder den antisemitischen dreck, den leute so äußern: gerade ist es mir zum ersten mal auf instgram passiert, dass jemand auf einen post reagiert, um einer überlebenden des hamas-massakers und der geiselhaft, mia shem, das recht abzusprechen, ihre geschichte zu erzählen und ihre schlüsse daraus zu ziehen; mit der begründung, dass andere das objektiver können und weil ihre sicht nur dazu diene, ‘die’ palästinenser pauschal zu entmenschlichen und den ‘rechten’, sprich nethanjahu, den krieg in der israelischen gesellschaft zu rechtfertigen. selbstredend ist alles nur gut gemeint, damit sich die öffentliche meinung über israel nicht weiter zu ungunsten wandelt. was soll man darauf sagen?

die new york times hat einen artikel zur gewalt und brutalität, den vergewaltigungen, misshandlungen und dem morden der hamas und anderer palästinensischer angreifer vom 7. oktober veröffentlicht; einen text, den man nur in abschnitten lesen kann und der dabei in seinen darstellungen trotzdem noch nur ein ausschnitt ist. und mia shem hat wie gesagt ein interview gegeben, in dem sie nicht nur die gewalt gegen ihre person andeutet, die situationen, in denen sie sich befand, sondern unter anderem auch darüber spricht, dass sie im haus eines der terroristen gefangen war, in dem auch seine frau und die kinder lebten. ich frage mich, neben der notwendigkeit, die taten der hamas und anderer zu dokumentieren und zu veröffentlichen, welche rolle es für darstellungen und erzählungen spielt, dass die erfahrung der betroffenen frauen und ihrer familien ist, dass ihnen eine unterstützung von feministischen gruppen und organisationen versagt bleibt, dass #metoo und die damit verbundenen grundsätze und standards, die sowieso immer noch fragil genug geblieben sind, für isrealische/jüdische frauen überhaupt nicht gelten sollen.

29. dezember: kaffee und frühstück bei ne. im kibbutz, rückfahrt nach tlv, shabbat dinner bei l. und ihrer familie.

30. dezember: langer spaziergang durch die stadt und am meer, wenig gutes jachnun, abends demonstration für die geiseln

ich schlafe wahnsinnig schlecht und meine tage sind auch geprägt von lähmender müdigkeit.

20231228

mit l. im allenby 75 getroffen, über den krieg gesprochen, die toten soldaten, die situation der geiseln, ihre söhne, die nicht zur armee gehen, aber die sorgen um all ihre freund:innen, über das versagen der regierung und die frage, was eine berichterstattung in kriegszeiten leisten muss, über geschichten aus der vergangenheit und über die müdigkeiten der gegenwart.

beschlossen, im februar zurückzukommen und flug gebucht.

zu ed. gefahren und mit ihr am antrag gearbeitet. irritierend schönes wetter, frühlingshaft.

der kibbutz nir oz gibt bekannt, dass seine bewohnerin Judy Weinstein Hagai nicht unter den noch lebenden geiseln ist, sondern bereits am 7. oktober von der hamas ermordet worden war. schon vergangene woche war dies auch über ihren 72jährigen ehemann Gadi Hagai veröffentlicht worden. hamas hat beide leichen in ihrer gewalt.

die zahl der gefallenen soldaten liegt nun bei 167. hezbollah intensiviert seine angriffe und es gibt sehr viel alarm im norden, der nun manchmal schon ortschaften bis weit im land betrifft.

und wenigstens etwas erfreuliches: der high court erlaubt adoptionen für gleichgeschlechtliche paare.