ich habe wieder angefangen, abends an der wohnungstür zwar den riegel vorzuschrieben, aber sie nicht zuzuschließen und eine hose griffbereit neben dem bett zu haben. ich habe außerdem meine kaputte brille nochmal aus dem koffer geholt, um nicht total blind ins treppenhaus zu stolpern. ich versuche daran zu denken, wieder tabletten mitzunehmen, wenn ich mich weiter vom haus wegbewege. die türen von sheltern sind wieder offen. und ich glaube, die vieler wohnhäuser auch. heute war der alarm morgens halb 8, damit eigentlich ziemlich spät und ich habe danach zwei stunden gebraucht, nochmal einzuschlafen, nur um jetzt total erschlagen zu sein. erschwert werden meine versuche, wach zu sein, dass ich oft nicht einschlafen kann, weil ich denke: ist eh gleich alarm. raketen kommen aus dem yemen, aus gaza und aus dem libanon. noch ist alles ausnahme. aber niemand weiß, was passieren wird. es scheint sich alles zuzuspitzen, immer weniger auswege. am freitag saßen wir im ala rampa und es gab alarm für die gegenden um uns aber nicht für uns. und wir konnten nicht nur den alarm auf unseren telefonen hören, sondern auch die sirenen in der entfernung. während wir überlegen, ob wir der besucher:innen aus deutschland zuliebe in einen schelter laufen sollten, aber niemand hat letztlich wirklich lust, sagt jmd., dass diese geräusche der sirenen und der apps sich in unseren körpern eingenistet haben. ich mag es sehr, wenn jemand sagt, was ich denke, weil er:sie es auch sieht. seit dienstag gibt es große demonstrationen, besonders in jerusalem und tel aviv. es kommt einiges zusammen: die entlassung von ronen bar, die das oberste gericht für ‘nichtig’ erklärt hat, die beginnenden maßnahmen zur entlassung von gali baharav-miara, der wiederaufgenommene krieg in gaza, die absolut fehlenden perspektiven für die geiseln. demnächst kommen weitere staatliche schritte zur umsetzung der justizreform dazu. jmd. erklärte am freitag abend, mit welchen faktoren es einen bürgerkrieg geben könnten und ich verstehe zum ersten mal, in welchen rahmen wir uns dabei bewegen. und alles wurde mit einem schlag sehr viel realer, damit sehr viel bedrohlicher. gestern bei der kundgebung weinen viele der angehörigen bei ihren reden. bisher war das die ausnahme, gestern nicht mehr.
donnerstag nach jerusalem gefahren, um im israel museum Gaston Zvi Ickowicz: Field zu sehen, gestern noch schnell ins tel aviv art museum gegangen, um Ruth Patirs ausstellung motherland zu sehen. gemerkt, wie meine aufmerksamkeit genau für das reicht, was ich mir vorgenommen habe, aber nicht mehr für ein entdecken von all dem anderen, das ich an beiden orten so sehr liebe. ich weiß, was mir fehlt und kann es mir trotzdem nicht einfach nehmen. ich merke, wie gern ich mich auf den boden legen möchte, zusammengefaltet und einfach weinen. aber ich weiß auch, dass ich es nicht kann, ganz einfach, weil niemand kommen und mich trösten wird. ich kann nicht zusammenbrechen, weil niemand außer mir die teile wieder zusammensetzt. da kann ich es auch gleich lassen, nehme ich an. no. sagte gestern, wir können die beziehungen, die wir brauchen und uns vorstellen können, immer noch bekommen. selten war mehr trost (für ein paar minuten).
Elkana Bohbot ist gestern 36 jahre alt geworden. seine frau rivka sprach abend. im anschluss wurden gelbe luftballons in den himmel geschickt. er gehörte zu den organisator:innen des nova-festivals und wurde von dem gelände verschleppt. google hat letzte woche die israelische firma wiz gekauft, für eine rekordsumme. anschließend ließ einer der gründer auf einer der billborards an den azrieli tower schreiben, dass es nur einen deal gibt, der wichtig ist und dass sei der, der die geiseln nach hause bringt. in copenhagen ließ die stadtverwaltung als erste in europa einen zentralen platz in “palästina” umbenennen. ebenfalls in copenhagen, und zwar genau genommen in christiana, wurde eine jüdin von mehreren männern mit einem messer bedroht, gewürgt und beschimpft und ihre jacke aufgeschlitzt. und in paris wurde im eingangsbereich eines kosher supermarkt in der nähe der métro-station porte de vincennes feuer gelegt. hier nahm am 8. januar 2015 amedy coulibaly die anwesenden kund:innen als geiseln und ermordete vier jüdische männer. dies geschah einen tag nachdem terroristen zwölf menschen im büro von Charlie Hebdo hingerichtet hatten.