20231230

das alte tagebuch-schreiben-problem: sobald ein paar tage vergangen sind und sich normalität wirklich hergestellt hat, die dinge weniger auffallen, höre ich auf zu schreiben. als ich im juni mein arbeits- buch- und wohnzimmer umgeräumt habe, fand ich vermutlich 15, alles sehr schöne notizbücher, in denen ich unterschiedlich lang phasen meines lebens dokumentiert habe. besonders viele bücher gibt es zu anfängen hier in tel aviv; eine ganz eigene gattung in der sammlung sozusagen.

darüber nachgedacht, ob ich vielleicht gerade auch weniger nachdenke. zum einen will ich bestimmte dinge nicht an mich heranlassen. besonders nicht den tod von carolyn. ich habe angst, dass die traurigkeit darüber meinen körper überrollt, in einer zeit und an einem ort, der so viel kraft und aufmerksamkeit von mir erfordert. immer noch habe ich das gefühl, dass es hier weniger um meine empfingungen geht als darum, einen raum für andere bereitzustellen; für die, die am 7. oktober im land waren, deren politisches, moralisches und emptionales system gecrasht ist, für die, deren kinder, enkel, freund:innen, verwandte in der idf sind, für die, die menschen verloren haben und verlieren, für die angst vor dem, was kommt und was droht, für die unsicherheiten, den schmerz, die traurigkeit. zum anderen weiß ich aber auch sonst nicht wohin mit meinen dingen und gedanken. die situation in deutschland ist so weit weg und so wenig zugänglich, die realität von allen erscheint mir so nett und entspannt, und ich weiß nicht, wie ich mir in all dem zugang und gehör verschaffen kann, und ob ich das überhaupt sollte. ich merke, wie wütend ich oft werde, wenn ich etwas von dem alltag in deutschland mitbekomme. und wie fremd es mir ist. vielleicht sind “die feiertage”, in denen es sich alle mal “schön” und “gemütlich” machen, aber auch keine gute zeit für realität. damit meine ich nicht nur, aber auch, den verharmlosenden quatsch oder den antisemitischen dreck, den leute so äußern: gerade ist es mir zum ersten mal auf instgram passiert, dass jemand auf einen post reagiert, um einer überlebenden des hamas-massakers und der geiselhaft, mia shem, das recht abzusprechen, ihre geschichte zu erzählen und ihre schlüsse daraus zu ziehen; mit der begründung, dass andere das objektiver können und weil ihre sicht nur dazu diene, ‘die’ palästinenser pauschal zu entmenschlichen und den ‘rechten’, sprich nethanjahu, den krieg in der israelischen gesellschaft zu rechtfertigen. selbstredend ist alles nur gut gemeint, damit sich die öffentliche meinung über israel nicht weiter zu ungunsten wandelt. was soll man darauf sagen?

die new york times hat einen artikel zur gewalt und brutalität, den vergewaltigungen, misshandlungen und dem morden der hamas und anderer palästinensischer angreifer vom 7. oktober veröffentlicht; einen text, den man nur in abschnitten lesen kann und der dabei in seinen darstellungen trotzdem noch nur ein ausschnitt ist. und mia shem hat wie gesagt ein interview gegeben, in dem sie nicht nur die gewalt gegen ihre person andeutet, die situationen, in denen sie sich befand, sondern unter anderem auch darüber spricht, dass sie im haus eines der terroristen gefangen war, in dem auch seine frau und die kinder lebten. ich frage mich, neben der notwendigkeit, die taten der hamas und anderer zu dokumentieren und zu veröffentlichen, welche rolle es für darstellungen und erzählungen spielt, dass die erfahrung der betroffenen frauen und ihrer familien ist, dass ihnen eine unterstützung von feministischen gruppen und organisationen versagt bleibt, dass #metoo und die damit verbundenen grundsätze und standards, die sowieso immer noch fragil genug geblieben sind, für isrealische/jüdische frauen überhaupt nicht gelten sollen.

29. dezember: kaffee und frühstück bei ne. im kibbutz, rückfahrt nach tlv, shabbat dinner bei l. und ihrer familie.

30. dezember: langer spaziergang durch die stadt und am meer, wenig gutes jachnun, abends demonstration für die geiseln

ich schlafe wahnsinnig schlecht und meine tage sind auch geprägt von lähmender müdigkeit.