gestern nachmittag gab die idf bekannt, die leiche von Ran Gvili in gaza lokalisiert und nach israel gebracht zu haben. die letzte geisel ist 843 tage später zurück und zugleich wird zudem zum ersten mal seit 14 jahren kein israeli in gaza gefangen gehalten.
so sehr ich auf diesen moment gewartet habe, so überfordert bin ich. es folgen viele kleine gesten, die ketten werden abgelegt, die bildschirmbilder und avatare geändert, später fällt mir auf, wie viele verweise auf die forderung zur freilassung der geiseln sich seit zwei jahren und drei monaten in meiner wohnung befinden. ich räume sie weg, nehme sie ab und weiß noch nicht, wie man mit ihnen verfährt. wird es eine zeit geben, in der ich die tshirts zum joggen oder schlafen anziehe, weil sie nichts mehr bedeuten?
frau fragmente ist die einzige, die mich anruft. selbstsicher sage ich, dass ich abends mit jemandem etwas trinken gehen werde. stattdessen muss ich feststellen, dass niemand aus meinem umfeld in deutschland auf die idee kommt, dass das eine gute idee ist, dass ich das brauchen könnte. ich denke seit einigen wochen aus vielen richtungen über etwas wie meine sehr persönliche einsamkeit nach und plötzlich bekommt sie einen konkreten rahmen. plötzlich weiß ich sehr genau, was sie bedeutet. und dass sie mehr ist als eine momentaufnahme, als das bewusstsein dafür, dass etwas fehlt. wie halt manchmal etwas fehlt.
heute abend wurde die tafel, die die zeit zählte, falls wir es mal vergessen, erst angehalten, dann abgeschalten. morgen wird Ran Gvili beerdigt. ich wäre gern da. dieses leise nagende heimweh, das einen schleier über alles legt, wird plötzlich ziemlich schmerzhaft. der gedanke, ich könnte unzufrieden sein mit den getroffenen arrangements, ist nicht mehr zu ignorieren. aber es wird niemand kommen, um etwas für mich zu lösen. ich stürze und meine schulter schmerzt wie hölle, aber ich kann nicht zum arzt gehen, weil mir die kraft dafür fehlt und weil ich angst davor habe. auch, weil ich seit gestern nicht mehr weiß, wen ich im hilfe bitten kann. ich denke, dass ich zu einer dieser personen geworden bin, die krank sind und über die man später immer fragt, wie es so weit kommen und wie sie es so weit ignorieren konnte. ich ahnte immer, dass das ganz einfach ist. nun habe ich es mir bewiesen.